Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Fast ein Preis für Proust

Kultur / 09.10.2026 • 14:02 Uhr

Es war im Jahre 1909, als sich Marcel Proust, der damals 36jährige französische Dichter, daran machte, sein Lebenswerk zu beginnen. 13 Jahre sollte Proust an seinem mehrbändigen Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ schreiben, von dem die letzten Bände erst nach seinem Tod 1922 erschienen sind. Sieben Bände mit insgesamt 4.500 Seiten liegen vor, der erste Band erschien 1913, der letzte 1927. Da erst lag der wichtigste Roman der französischen, vielleicht sogar der europäischen Literatur im 20. Jahrhundert vor. Nicht, dass das gleich erkannt worden wäre, nicht dass alle dieses Riesenwerk gelesen hätten. Im Gegenteil: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ könnte, wie auch andere Werke, etwa Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“, zu jenen Büchern gehören, die die Literaturgeschichte maßgeblich beeinflussen, auch in großer Zahl gekauft aber selten ganz gelesen werden.

„Carson hat, nicht speziell, aber doch auch für ihre „Albertine“ den Nobelpreis für Literatur bekommen, der Marcel Proust versagt blieb.“

Gelesen, bis in Detail gelesen hat ihn Anne Carson, die am Donnerstag mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Carson hat Proust gelesen und fand sich dann in einer „Nachproust-Wüste“ wieder, wie sie in ihrem Buch „Albertine – 59 Liebesübungen“ beschreibt: “Wer von Ihnen je Proust gelesen hat, weiß, wovon ich spreche, wenn ich sage, dass man sich nach der Lektüre der Recherche in einer Nachproust-Wüste befindet … weil einem nichts mehr lesenswert erscheint, und das Einzige, was du dir wünschst, ist, dass dieser Proust noch mal von vorn anfängt, aber natürlich kann er das nicht mehr, und so liest du planlos alles über Proust, Kritisches wie Biografisches, aber das ist nicht dasselbe, und so gibst du es irgendwann wieder dran und stellst fest, dass du schon ’ne ganze Weile in einem Proust-Entzug lebst, und das Leben geht weiter, nur eben etwas grauer.“

Aus diesen Entzug heraus hat Anne Carson 2014 (auf Deutsch 2017) „Albertine“ geschrieben. Sie nimmt damit Bezug auf Albertine, die zentrale Frauenfigur bei Marcel Proust, eine der rätselhaftesten Auseinandersetzungen mit einer Frau in der Literatur überhaupt. „Albertine“ ist kein Roman, sondern eine Aneinanderreihung von vielen kurzen Überlegungen, Vermutungen und Nachdenklichkeiten. Carson ist genau, sie zählt nach. Der Name Albertine kommt im Roman von Marcel Proust 2.363 mal vor, mehr als jeder andere. Und natürlich wird Albertine von Carson anders gesehen als von Proust, hier sieht eine Frau eine Frau. Proust will sich seine Geliebte nach seinen Ideen, er will sie sich nach seinen Vorstellungen herrichten. Er liebt nicht nur die Frau, er liebt auch das Bild, das er sich von ihr gemacht hat. Und nicht zuletzt: Proust ist homosexuell. Und manche meinen, Proust habe sich Albertine nach einem männlichen Vorbild, nach seinem Chauffeur Alfred Agostinelli, geschaffen.

Carson hat, nicht speziell, aber doch auch für ihre „Albertine“ den Nobelpreis für Literatur bekommen, der Marcel Proust versagt blieb. Aber immerhin wurde er 1919 mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Und Anne Carson hat ihn jetzt zumindest in die Nähe des Nobelpreises gebracht.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.