Sechs Planeten im Streichquartett-Universum

Quatuor Diotima spielte bei den Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik sechs neue Werke.
BLUDENZ Ein Streichquartett kann ein Universum sein. Sechs neue Stücke, entstanden in einer Woche gemeinsamer Arbeit, öffnen darin sechs eigene Klangwelten. So beschrieb es Clemens Gadenstätter, der die Kompositions-Masterclass der Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik begleitet hatte: „Am meisten freut mich, dass wir in diesen sechs Stücken, die wir eine Woche lang erarbeitet haben, sechs ganz unterschiedliche Planeten erleben. Wenn ich das Streichquartett als ein Universum betrachte, dann gibt es den ersten Planeten mit seiner starken vulkanischen Aktivität. Auf anderen wird die Selbstähnlichkeit der Wesen erprobt.“
Am Sonntagabend machte das Quatuor Diotima in der Remise Bludenz diese Vielfalt hörbar. Das 1996 gegründete Ensemble ist international gefragt und arbeitet seit Jahren eng mit bedeutenden zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten zusammen. Den Teilnehmenden der Masterclass bot es einen Klangkörper von höchster Präzision. Die sechs Werke von Jieun Jeong, Sing-Yat Chen, Davide Pentassuglia, Lorenzo Summino, Ármin Cservenák und Hiroki Tanaka waren an diesem Abend erstmals zu hören. Im gemeinsamen Musizieren zeigte sich, wie viel in der vertrauten Besetzung aus zwei Violinen, Viola und Violoncello noch zu entdecken ist.
Die Stücke tasteten sich in unterschiedliche Richtungen vor. Mal schien der Klang aus kleinsten Gesten zu wachsen, mal verdichtete er sich zu einer beinahe körperlichen Energie. Besonders eindrucksvoll gelang das im dritten Stück, Davide Pentassuglias „The Garden of Forking Paths“. Hier standen die Instrumente nicht bloß nebeneinander: Einzelne Stimmen traten hervor, antworteten einander und fanden im Zusammenspiel wieder zusammen. Zwischen Piano und Forte, zwischen zarter Zurücknahme und leidenschaftlichem Aufbrechen entstand eine Spannung, die das Stück weit über ein interessantes Klangexperiment hinausführte. Es hatte eine eigene Dramaturgie, hielt die Aufmerksamkeit fest und ließ die Möglichkeiten des Quartetts unmittelbar erleben. Für mich war es der stärkste Moment vor der Pause.
Streich und Gadenstätter
Gerade darin lag auch der Reiz der Masterclass-Kompositionen: Sie wollten nicht alle dasselbe sagen. Ihre Verschiedenheit machte hörbar, wie unterschiedlich junge Komponistinnen und Komponisten auf ihre Gegenwart blicken. Die Deutung als verschiedene Planeten bekam so eine konkrete musikalische Gestalt. Das Publikum konnte verfolgen, wie aus Ideen und Noten in der intensiven gemeinsamen Arbeit mit dem Ensemble Aufführungen wurden.
Nach der Pause standen zwei Werke von Komponisten auf dem Programm, die im zeitgenössischen Musikleben längst etabliert sind. Lisa Streichs „Sternestill“ und Gadenstätters „Paramyth 2 – schlitzen“ setzten einen eindrucksvollen Schlusspunkt. Sie führten die zuvor geöffneten Klangräume weiter und zeigten, wie eigenständig und unverwechselbar zeitgemäße Musik mit dem Klang des Streichquartetts umgehen kann. Gadenstätter hatte diesen Begriff an dem Abend betont: Musik, die sich mit den Fragen und Kräften ihrer Zeit auseinandersetzt. Das Quatuor Diotima verband dabei kammermusikalische Präzision mit der Bereitschaft, auch die schärferen und ungewöhnlicheren Momente der Musik ernst zu nehmen.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Die Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik bewiesen an diesem Abend einmal mehr, dass neue Musik kein Rätsel sein muss, das sich erst nachträglich auflösen lässt. Sie kann unmittelbar wirken: durch Reibung und Bewegung, durch Stille und Klangfülle, durch den Wechsel von Nähe und Distanz. Sechs Planeten, sechs Perspektiven und ein Ensemble, das ihnen mit hörbarer Neugier Raum gab.