Junges Feuer im Bregenzerwald

Vom Tango bis zur Uraufführung: Die :alpenarte setzt auch heuer auf junge Talente.
Schwarzenberg Manche Musikerkarriere beginnt mit einem elterlichen Verbot. Der Organist Jürgen Natter entdeckte seine Liebe zur Orgel über einen Edgar-Wallace-Film, Tobias Jacob seine Liebe zum Klavier über einen James-Bond-Film – beide hatten sich die Filme angesehen, obwohl die Eltern es verboten hatten. Man darf für diesen Ungehorsam dankbar sein. Was der 2008 geborene Vorarlberger beim Backstage Concert zum Auftakt der :alpenarte im Schwarzenberger Angelika-Kauffmann-Saal zeigte, ist erstaunlich: Erst mit 13 Jahren hat Jacob mit dem Klavierspiel begonnen, kurz darauf wurde er an die Stella Musikhochschule aufgenommen, heute studiert er in Wien und tritt bereits als Solist mit Orchestern in Österreich und Italien auf. Nach nur fünf Jahren verfügt er über ein Können, für das andere ein Jahrzehnt und mehr brauchen.

Sein Programm forderte den ganzen Pianisten. Chopins Nocturne sang er mit langem Atem aus, der Mazurka gab er ihr schwebendes, melancholisches Zögern. In Schuberts Es-Dur-Impromptu perlten die Triolenketten leicht und klar, Rameaus „Les Cyclopes“ geriet zum funkelnden Kabinettstück. Zwischen der elegischen cis-Moll-Etüde und der stürmischen h-Moll-Etüde Skrjabins bewies Jacob, dass er nicht nur Finger, sondern auch Ausdruck hat, und mit Rachmaninows Moment musical op. 16/6 türmte er zum Schluss machtvolle Akkordmassen auf.

Beim anschließenden Konzert „I dr Stuba“ wurde es zugleich gemütlich und feurig. Der Cellist Philipp Schupelius und der Perkussionist Leon Lorenz verweben Klassik mit Jazz und Musical, und sie tun das mit Witz und Präzision. Piazzollas „Café 1930“, „Nightclub 1960“ und den „Libertango“ haben die beiden selbst arrangiert: Das Cello singt die sehnsüchtige Linie, das Schlagwerk liefert Puls, Farbe und Biss. Mit Fazıl Says „Middle Eastern Children“, Lorenz’ eigenem „Based on Gershwin“ und Enjott Schneiders „Sisyphos“ entstand ein Abend, an dem die beiden Instrumente einander herausforderten, umspielten und immer wieder überraschend verschmolzen.

Am Samstag dann das Grand Concert mit dem Stretton Quartett. Elli Choi und Michael Shaham (Violine), Noga Shaham (Viola) und Arne Zeller (Violoncello) spielen auf Instrumenten der Stretton Society, die junge Musikerinnen und Musiker auf dem Weg zur internationalen Karriere fördert und vor dem Konzert im Gespräch Instrumente und Werke vorstellte. Großartige junge Musiker, auch wenn Mozarts d-Moll-Quartett, das einzige Moll-Werk unter den sechs Haydn gewidmeten Quartetten, etwas brav geriet. Sauber und klangschön war das, die Abgründe dieser Musik blieben aber eher angedeutet als ausgeleuchtet.
Uraufführung
Mit Spannung erwartet wurde die Uraufführung des :alpenarte-Auftragswerks „Jenseits der Echos – Beyond the Mountains“ von Haram Kim. Der 1998 geborene, international ausgezeichnete südkoreanische Geiger und Komponist, der an der Yale School of Music studiert, konnte nicht dabei sein: Er leistet derzeit in Korea seinen Militärdienst. Sein knapp viertelstündiges Stück lebt vom Kontrast. Fortissimo und Piano wechseln einander ab, die Stimmen spielen erst gegeneinander, dann miteinander, in stürmischer Verbundenheit. Für ein zeitgenössisches Werk ist das erstaunlich melodisch, es geht ins Ohr, ohne sich anzubiedern.

Ganz großartig dann nach der Pause Mendelssohns f-Moll-Quartett, entstanden 1847 nach dem plötzlichen Tod der Schwester Fanny, wenige Monate vor seinem eigenen. Hier waren die vier ganz bei sich, mit einer Wucht, die man nach dem Mozart kaum erwartet hätte: aufgewühlt und fiebrig im Kopfsatz, voller Trauer im Adagio, im Finale von einer Dringlichkeit, die den Atem nahm.