Kinderschutz in Vorarlberg: Wie aus einem Verdacht konkrete Hilfe wird

Politik / 21.10.2026 • 14:07 Uhr
Gewalt gegen Kinder zeigt die dunkelste Seite einer Gesellschaft. Die Behörden müssen dann sofort reagieren.  DPA
Gewalt hat viele Formen, umso wichtiger ist eine Sensibilisierung der Gesellschaft und Enttabuisierung für die Opfer. APA

Von der ersten Meldung bis zur Prozessbegleitung: Wie Kinder und Jugendliche in Vorarlberg Unterstützung bekommen.

Schwarzach Wie wirksam ist der Kinderschutz in Vorarlberg? Eine Anfrage der Neos an Landesrätin Barbara Schöbi-Fink zeigt: 2025 leitete die Kinder- und Jugendhilfe 1664 Gefährdungsabklärungen ein, österreichweit waren es 54.901. Damit entfielen drei Prozent aller Abklärungen auf Vorarlberg, obwohl hier 4,9 Prozent der österreichischen Bevölkerung zwischen null und 18 Jahren leben. Die Zahlen allein belegen keine Schwächen im Kinderschutz. Entscheidend ist vielmehr: Werden Gefährdungen früh genug erkannt?

Die Antwort ist komplex, wie Cornelia Neuhauser betont, die seit kurzem den Fachbereich Kinderschutz am Institut für Sozialdienste (ifs) leitet. „Es gibt viele Formen von Gewalt. Manche sind offensichtlicher, etwa Verletzungen oder mediale Gewalt mit Fotos.“ Psychische Gewalt sei dagegen oft subtil. Bei Kindern müsse zudem unterschieden werden, ob sie Gewalt aktiv oder passiv erleben. „Mittlerweile wissen wir, dass die Auswirkungen und Konsequenzen für Kinder, die zum Beispiel häusliche Gewalt gegen die Mutter miterleben, ähnlich sind wie bei Kindern, die Gewalt aktiv erleben. Aber häufig werden die Kinder in solchen Situationen vergessen.“

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Anonyme Beratung

In Vorarlberg gibt es ein breites Beratungsnetz, betont Neuhauser. Eine Meldung bei der Polizei setze sofort eine Dynamik in Gang, was eine Hemmschwelle sein könne. „Wenn man sich nicht sicher ist, was man mit der Befürchtung machen soll, kann man jederzeit anonym bei uns anrufen.“

Beratungsstellen in Vorarlberg

ifs Kinderschutz

Markt­platz 3 (Ein­gang Win­kel­gasse)

6850 Dornbirn

Mo – Fr, 8 – 12 Uhr

Mo – Do, 13 – 17 Uhr

Telefon +43 5 1755-505

kinderschutzifs.at

Kinder- und Jugendanwaltschaft Vorarlberg

Schießstätte 12, 6800 Feldkirch

Telefon: 05522 84900

WhatsApp: 0664 8898 6890

E-Mail: kija@vorarlberg.at

Kinder- und Jugendhilfe

Kinder- und Jugendhilfe
Eine Kindeswohlgefährdung melden

Mitteilungen an die Kinder- und Jugendhilfe (KJH) können etwa von Schulen, Behörden, Gesundheitseinrichtungen oder anderen Fachstellen kommen. Kinder und Jugendliche selbst meldeten in Vorarlberg 2025 17 mögliche Gefährdungen. 2024 waren es 22, 2023 waren es 13, 2022 insgesamt 14 und 2021 zehn Mitteilungen. Aus Krankenhäuser kamen im Vorjahr 79, aus der Nachbarschaft 80, von der Polizei 638 und aus den Schulen 371 Gefährdungsmeldungen.

Ein Punkt ist Neuhauser in diesem Zusammenhang wichtig: Die Enttabuisierung. “Egal wem Gewalt passiert, ob Erwachsenen oder Kindern, es ist immer mit ganz viel Scham behaftet.” Das kann dazu führen, das vieles lange im Dunkeln bleibt. “Was man auch verstehen muss, gerade im Kontext der häuslichen Gewalt: Die Kinder haben ein Bedürfnis, ihre familiäre Situation zu schützen. Die Kinder verstehen, dass das Konsequenzen hat, wenn sie sich jemandem anvertrauen. Der Leidensdruck ist dann unter Umständen schon sehr hoch.”

Viele Meldungen, wenig Überblick

Die Landesregierung berichtet, dass sowohl die Zahl der eingehenden Gefährdungsmitteilungen als auch jene der bearbeiteten Abklärungen über die Jahre gestiegen ist. Die auf den KJH-Abteilungen eingelangten Mitteilungen können standardisiert ausgewertet werden. Wie viele sonstige Hinweise und Informationen bei den Behörden eingehen, lässt sich dagegen nicht einfach auswerten.

Wie schnell die Hilfe ankommt

Der ifs-Kinderschutz betreute 2025 insgesamt 623 Personen, die ifs-Familienberatung 1231. der Familienkrisendienst verzeichnete 194 Einsätze. Die Zuweisungen kommen aus unterschiedlichen Stellen: Krankenhäuser, Schulsozialarbeit, Polizei oder auch Kinder- und Jugendhilfe.

Im besten Fall erreicht das ifs-Kinderschutz die Kinder und Jugendlichen schon vor der polizeilichen Einvernahme, um sie auf die Situation vorzubereiten, berichtet Neuhauser. “Wie läuft es ab, wie sehen die Räumlichkeiten aus usw.” In der Folge gibt es auch das Angebot der Prozessbegleitung. Der ifs ist die einzige Stelle in Vorarlberg, die das anbietet und übernimmt die psychosoziale Arbeit, speziell geschulte Anwältinnen aus der freien Praxis die juristische Begleitung. Dazu gehört auch die Beratung vor einer Anzeige, damit klar ist, wie es danach weiter gehen könnte.