Große Auszeichnung für Martin Rauch

ZV-Bauherr:innenpreis 2026: Werkhalle und Bürobau von Lehm Ton Erde in Schlins ausgezeichnet.
Schlins Gewöhnlich ist das Bauen eine Sache der Arbeitsteilung. Die Bauherrschaft formuliert Ziele, bezahlt und trägt das Risiko für Nutzung und Unterhalt, die Architektur übersetzt das in Raum und Konstruktion, die Baufirma setzt um und haftet für ihr Werk. Diese Ordnung schafft Sicherheit, und auch Entlastung, denn jeder kann sich auf seinen Teil der Verantwortung zurückziehen. In Schlins ist die Trennung aufgehoben: Lehm Ton Erde Baukunst ist Auftraggeberin, Planerin und ausführendes Unternehmen in einem, entworfen von Firmengründer Martin Rauch. Genau dafür wurde das Ensemble aus Werkhalle und Bürogebäude am Freitagabend in der Grazer Helmut List Halle mit dem ZV-Bauherr:innenpreis 2026 ausgezeichnet.

Die Zentralvereinigung der Architektinnen und Architekten Österreichs vergibt den Preis seit 1967. Er gilt weniger den Architekten als jenen, die gute Architektur ermöglichen. Aus 132 Einreichungen wählten die Nominierungsjurien der Bundesländer 23 Projekte, die Hauptjury kürte daraus sechs Preisträger. Jurymitglied Imhof beschreibt in seiner Würdigung, was das Zusammenfallen der Rollen bedeutet: Der Entwurf ist kein Vorschlag an Dritte mehr, die Bauherrschaft wird zur „Mitautorin des Risikos“. Die Folgen jeder Entscheidung müssen selbst getragen werden. Das erzeugt Unsicherheit, öffnet aber einen Spielraum genau dort, wo Normen, Zertifikate und Markt mit neuen Entwicklungen noch nicht Schritt halten.
Lehm, Holz und Cortenstahl
Diesen Spielraum hat das Team in Schlins genutzt. In der rund 67 Meter langen Werkhalle werden Stampflehmelemente vorgefertigt, das heuer fertiggestellte, dreigeschoßige Bürogebäude schließt sie als Kopfbau ab und beherbergt Ausstellungsflächen, Planungsbüro, Mensa und Seminarraum. Vom Planungsbüro blickt man durch ein Fenster direkt in die Produktion. Die Erde für die 60 Zentimeter starken Wände stammt aus einem Baustellenaushub im Ort, nach ihrer Nutzung können die Blöcke wiederverwendet oder der Landschaft zurückgegeben werden.

Die Jury hebt hervor, dass hier erprobt wurde, wofür es kaum Erfahrungswerte gibt: zehn Meter hohe, selbsttragende Lehmwände, Bauteilaktivierung und Wärmespeicherung in Erde und Lehm, Hybridkonstruktionen aus Holz und lehmgebundenen Holzschnitzeln und sogar ein Liftschacht aus Lehm. So werde die Bauwende nicht bloß ausgerufen, sondern vorgeführt, und künftige Bauherren erhielten einen handfesten Beweis der Gebrauchstauglichkeit.

Preiswürdig sei all das zudem, weil zugleich hochwertige Architektur entstanden ist. Lehm, Holz und Cortenstahl verbinden sich zu Räumen, in denen Moderne und Archaik zusammenfinden – für einen Industriebau eine ungewöhnlich noble Erscheinung. Die Stampflehmfassaden von Halle und Bürobau bleiben unbehandelt und sind der Witterung ausgesetzt.
Internationale Bekanntheit
Für Martin Rauch, der seit Jahrzehnten von Schlins aus am Stampflehm arbeitet, mit Projekten wie dem Ricola-Kräuterzentrum im schweizerischen Laufen international bekannt wurde und 2022 den Global Award for Sustainable Architecture erhielt, ist der Preis auch eine Bestätigung seines Kurses: den ältesten Baustoff der Welt aus der Nische des Einzelstücks in die Vorfertigung zu führen.

Weiters werden die Gemeinde Gabersdorf für ihre Kinderkrippe (projektCC), die Universität Graz für die Wiedererrichtung des ehemaligen Jesuitenrefektoriums am Rosenhain (leb idris architektur), die Stadt Innsbruck für die klimafitte Umgestaltung des Lugger-Platzes im Olympischen Dorf (LAUP, Machné & Glanzl), Hansjörg Mölk für die Aufstockung der Kulturbackstube „Die Bäckerei“ (tatanka) sowie die Villa Beer Foundation für die Sanierung des Wiener Hauses von Josef Frank und Oskar Wlach (Christian Prasser) ausgezeichnet.