Strafmündigkeit ab zwölf? Experten setzen auf andere Wege

Politik / 27.10.2026 • 16:50 Uhr
Strafmündigkeit ab zwölf? Experten setzen auf andere Wege
Jugendliche müssen sich in Österreich erst ab 14 strafrechtlich verantworten.VN

Ethikunterricht wie in Dänemark oder Schnupperknast wie in Deutschland? Andere Länder zeigen andere Ideen.

Schwarzach Ein 72-Jähriger wird in Dornbirn überfallen und schwer verletzt. Zwei 13-Jährige stehen unter Verdacht. Die Polizei schreibt ihnen gemeinsam mehr als 300 Tatverdachtsmomente in diesem Jahr zu. Strafrechtlich belangt werden können sie nicht. Der Fall befeuert die Debatte um eine Absenkung der Strafmündigkeit. Landeshauptmann Markus Wallner forderte vor wenigen Wochen in der “Pressestunde”, das Alter auf zwölf Jahre zu senken. Nach einer Absage von Justizministerin Anna Sporrer erneuert er nun seine Forderung. Expertinnen und Experten sind vorsichtiger.

Die Feldkircher Strafverteidigerin Andrea Concin hält wenig davon. Sie hat sich mit dem Schweizer Jugendstrafrecht beschäftigt, wo Kinder bereits ab zehn Jahren strafmündig sind. Ein Vorbild für Österreich? “Der Vergleich hinkt”, sagt Concin. Freiheitsstrafen und Geldbußen sind in der Schweiz erst ab 15 Jahren möglich. Untersuchungshaft kann bis zu elf Tage dauern, ab 15 Jahren maximal drei Monate.

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Für jüngere Kinder gibt es vor allem Verweise, gemeinnützige Leistungen und Schutzmaßnahmen. Dazu zählen Polizeigespräche, eine “förmliche Missbilligung der Tat, verbunden mit einer Probezeit”, erklärt Concin. In Österreich heiße das “Normverdeutlichungsgespräch”. Auch gemeinnützige Leistungen hält sie für sinnvoll: “Das merken sich die Jungen.” Studien zeigten, dass die Androhung einer Strafe bei impulsiven Taten wenig bewirke.

Andrea Concin, Rechtsanwältin
Andrea Concin ist Strafverteidigerin und hat sich das Schweizer Jugendstrafrecht angesehen. VN

Andere Möglichkeiten gebe es in Österreich bereits: etwa ein Pflegschaftsgericht, einen Besuch der Polizei oder Sozialarbeit. Concin fordert mehr Geld für soziale Einrichtungen: “Vielleicht bringt eine sozialpädagogische Stunde mehr als ein Strafgericht.”

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Die Debatte kochte 2023 europaweit hoch, nachdem in Deutschland zwei Mädchen im Alter von zwölf und 13 Jahren eine Mitschülerin erstochen hatten. Der Schweizer Bundesrat ließ daraufhin die Jugendkriminalität untersuchen. Der 2025 veröffentlichte Bericht zeigt: Sie bleibt ein Randphänomen. 2024 wurden 1,2 Prozent der minderjährigen Wohnbevölkerung einer Straftat beschuldigt, 2009 waren es 1,9 Prozent. Seit 2016 steigen die Zahlen allerdings wieder; das frühere Niveau wurde dennoch nicht erreicht.

Ein kleiner Teil der Jugendlichen begeht besonders viele Taten: Laut einer Schweizer Dunkelfeldstudie gehen 76 Prozent der selbst berichteten Straftaten auf fünf Prozent der Befragten zurück.

Strafmündigkeit ab zwölf? Experten setzen auf andere Wege
Anwalt Stefan Denifl leitet die Opferschutzorganisation Weißer Ring in Vorarlberg. VN

Dort setzt Stefan Denifl, Leiter der der Opferschutzorganisation Weißer Ring, an. Er erinnert an einen 13-Jährigen, der eine Frau in ihrem Haus ausraubte und mit einem Messer verletzte. Danach wurde der Jugendliche seiner Familie übergeben. Für Opfer bleibe die Angst, dem Täter wieder zu begegnen. “Es muss Möglichkeiten geben, dass man auf Intensivtäter rasch reagieren kann”, sagt Denifl. Er kann sich eine Auszeit-WG nach Wiener Vorbild vorstellen – vielleicht brauche es dafür keine Herabsetzung der Strafmündigkeit.

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Concin ist skeptisch: “Die Auszeit-WG wie in Wien kann man probieren. Ob es klappt, weiß aber auch niemand.” Zunächst müsse wissenschaftlich erhoben werden, ob Österreich tatsächlich ein Problem mit Jugendkriminalität habe – oder ob es ähnlich sei wie in der Schweiz.

Auch andere Modelle werden diskutiert: In Deutschland können Jugendliche einen “Schnupperknast” besuchen. Dänemark habe verpflichtenden Ethikunterricht eingeführt, sagt Concin: “Damit sind Schlägereien und andere Straftaten massiv zurückgegangen.”

Mit extremen Einzelfällen müsse man dennoch leben, betont die Strafverteidigerin. “Unser Problem ist nicht die Jugendkriminalität. Es ist die Erwachsenenkriminalität.”