Maßgeschneiderte Hilfe bei Erkrankungen der Aorta

Gesund / 15.11.2019 • 13:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
OA Rainer Mathies, Primar Manfred Cejna und Primar Wolfgang Hofmann (v.l.) führten das Publikum durch einen spannenden MedKonkret-Abend. VN/LERCH

Defekte an der Hauptschlagader können lebensgefährlich sein.

Feldkirch Im Vergleich zum Schlaganfall und Herzinfarkt sind Erkrankungen der Hauptschlagader (Aorta) zwar eher selten, für sich allein betrachtet allerdings nicht. Relativ häufig kommen Aneurysmen, also Ausweitungen der Schlagader, im Bauchraum vor. OA Rainer Mathies, Leiter der Angiologie im Landeskrankenhaus Feldkirch, berichtete beim MedKonkret-Vortrag von jährlich 80 bis 100 Neuerkrankungen in Vorarlberg. Nicht alle Aneurysmen müssen jedoch behandelt werden. Das Risiko für eine Ruptur steigt mit der Größe der Ausweitung. „Ab einem Durchmesser von drei Zentimetern gilt die Aorta als erweitert“, erklärte Radiologie-Primar Manfred Cejna. Ab einem Durchmesser von fünf Zentimetern ist schon langsam Feuer am Dach. „Dann gilt es, über eine Behandlung zumindest nachzudenken“, ergänzte der Leiter der Gefäßchirurgie, Primar Wolfgang Hofmann. Da Ausweitungen der Aorta häufig erst entdeckt werden, wenn es fast zu spät ist, redeten die Mediziner auch der Einführung eines Screenings für Personen ab 65 Jahren vehement das Wort. In Deutschland wurde ein solches vor zwei Jahren eingeführt.

Hoher Druck

Aus der Aorta entspringen sämtliche Schlagadern des Menschen. Einem Wurzelstock gleich zweigen überall Äste ab, durch die das Blut in die Organe fließt. Entsprechend hoch ist der Druck in den Arterien. „Um diesen Druck auszuhalten, müssen Arterien sehr elastisch sein“, führte Manfred Cejna aus. Kommt es zu Störungen in diesem fragilen Gebilde, können sich viele ungünstige Prozesse abspielen. Es kann zu Einlagerungen von Fettdepots kommen, zu Blutgerinnseln und zu Verkalkungen. Verursacht werden solche Schädigungen beispielsweise durch Bluthochdruck, Diabetes, Entzündungen oder Traumata nach Unfällen.

Besonders gefürchtet sind Erweiterungen und Einrisse der Aorta. „Bei Einrissen erhöht der turbulente Blutfluss die Wandbelastung. Ohne Behandlung kann das Gefäß platzen“, berichtete Cejna weiter. Der bei einer Ruptur auftretende hohe Blutverlust kann schnell zum Tod führen. Aneurysmen können im Brust- und Bauchraum auftreten. Ein Aneurysma kommt jedoch selten allein. Cejna: „Im Fall des Falles muss immer nach einem zweiten und dritten gesucht werden.“

Brust- und Bauchschmerzen

Im Zusammenhang mit Erkrankungen der Aorta sind es vorwiegend Brust- oder Bauchschmerzen, die Patienten in die Notfallambulanz treiben. „Die Ursachen für diese Schmerzen sind vielfältig“, verdeutlichte Rainer Mathies die Schwierigkeit einer Diagnose. Klassisch für ein Aneurysma sind aber plötzlich einschießende, zerreißende Schmerzen, die wandern. Blutverlust führt zudem zu Kreislaufschwäche. Auf die klinische Untersuchung folgt die technische mit Labor und Bildgebung. Mathies präferiert die Computertomografie (CT), weil sie überall verfügbar ist und eine präzise Darstellung der Gefäße erlaubt.

An Behandlungsmöglichkeiten gibt es die klassische offene Operation sowie den minimal-invasiven Eingriff. „Mitunter werden die beiden Methoden auch kombiniert angewendet“, erklärte Gefäßchirurg Primar Wolfgang Hofmann. Bei diesen Operationen werden geschädigte Arterienwände neu ausgekleidet oder gerissene Arterien durch Stents ersetzt. Mitunter ist die Kunst der Ärzte jedoch vergebens. Bei geplatzten Bauchraum-Aneurysmen liegt die Sterberate bei über 80 Prozent. Deshalb sind die Ärzte bei größeren Ausweitungen darauf bedacht, eine Behandlung frühzeitig anzusetzen. Minimal-invasive oder radiologische Verfahren sind laut Primar Hofmann nicht für alle Patienten geeignet, da sie eine lebenslange Nachsorge erfordern. Sie werden deshalb vorrangig bei älteren Patienten angewendet. Seine trotzdem gute Nachricht: „Allen Betroffenen kann maßgeschneidert geholfen werden.“

Nikotin als Risikofaktor

Risikofaktoren für die Ausprägung einer Aorten-Erkrankung sind Rauchen, das Alter (ab 50), Bluthochdruck, Gefäßerkrankungen, genetische Faktoren sowie Diabetes. Zur Früherkennung würde sich laut OA Mathies vor allem der Ultraschall eignen, da er eine hohe Sensitivität aufweist und kostengünstig ist. Außerdem wären „nur“ 350 Screenings nötig, um innerhalb von sieben bis zehn Jahren einen Todesfall zu verhindern. Beim Brustkrebs- und Darmkrebsscreening braucht es deutlich mehr. Deshalb das Plädoyer für eine Sonografie-Vorsorge ab 65 bei Männern, da diese gefährdeter sind als Frauen.

Der Vortrag kann in voller Länge unter gesundheit.vol.at nachgesehen werden.

Fragen aus dem Publikum

Müsste so ein Vorsorge-Screening vom Spezialisten gemacht werden oder könnte das der Hausarzt im Rahmen einer Gesundenuntersuchung ebenfalls durchführen?

Mathies: In Deutschland ist es so geregelt, dass die Ärzte, die ein solches Screening anbieten wollen, vorher einen Qualitätsnachweis erbringen müssen. Es sind auch Allgemeinmediziner dabei. Im Grunde kann es auch ein Hausarzt machen, weil heutzutage in beinahe jeder Praxis ein Ultraschallgerät steht, aber es braucht natürlich eine gewisse Erfahrung.

Ist es möglich, dass es überhaupt keine Vorzeichen für das Platzen eines Aneurysmas gibt?

Hofmann: Ein Aneurysma tut nicht weh. Oft wird es auch nur durch Zufall entdeckt. Deshalb sind wir Ärzte ja für die Einführung eines Screenings.

Ab welcher Höhe wird der Blutdruck als gefährlich eingestuft?

Mathies: Die Zeiten, in denen Alter plus 100 als Oberwert gegolten hat, sind vorbei. Heute liegt die von den Fachgesellschaften ausgegebene Obergrenze bei 140/90.

Wie hoch ist das Risiko für ein Aneurysma bei Frauen, die nicht rauchen?

Mathies: Bei dieser Personengruppe ist das Risiko sehr gering.

Der Panoramasaal im LKH Feldkirch war buchstäblich bis auf den letzten Platz besetzt.
Der Panoramasaal im LKH Feldkirch war buchstäblich bis auf den letzten Platz besetzt.