Heute Weichen stellen, damit Ärzte gerne in Vorarlberg arbeiten

Extra / 24.03.2014 • 12:34 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Landes und Bundesauszeichnungen im Landhaus Montfortsaal Michael Jonas
Landes und Bundesauszeichnungen im Landhaus Montfortsaal Michael Jonas

Ärztekammer-Präsident Michael Jonas im Interview über den Zukunftsberuf Mediziner.

Schwarzach. Vorarlberg bietet traditionell eine hervorragende medizinische Versorgung – sowohl in den Krankenhäusern als auch bei den Hausärzten und Fachärzten, dem niedergelassenen Bereich. In den letzten Jahren hat sich diese Situation durch den zunehmenden Ärztemangel verschärft. Zahlreiche Stellen in den Spitälern können schwer oder gar nicht nachbesetzt werden, auch für Landärzte gibt es vereinzelt heute schon keine Nachfolger mehr. Was für die Bevölkerung in Vorarlberg schwerwiegende Auswirkungen haben kann, ist für künftige Mediziner und junge Menschen, die sich ein Medizinstudium überlegen, eine gute Nachricht. Die Ärztekammer ist sich dieser Situation bewusst und unterstützt zahlreiche Maßnahmen, um das Interesse am Medizinstudium zu fördern und die Ausbildung für junge Ärzte zu verbessern.

Herr Dr. Jonas, vor 20 Jahren wurde noch vor der Ärzteschwemme gewarnt, seit ein paar Jahren hört man immer häufiger vom steigenden Ärztemangel – auch in Vorarlberg. Warum sollen junge Menschen aus Ihrer Sicht ein Medizin­studium beginnen?

Jonas: Im Zentrum des Arztberufs steht die Wiederherstellung der Gesundheit oder deren Erhaltung, vor allem der Wunsch Menschen zu helfen. Der Beruf ist vielseitig, interessant und herausfordernd. Die Nachfrage nach ärztlichen Leistungen steigt permanent und das Prestige des Berufsstandes ist hervorragend. Die hohe Verantwortung des Arztberufs spiegelt sich im hohen sozialen Ansehen. Wir haben in Europa einen Ärztemangel und daran wird sich in den nächsten Jahrzehnten nichts ändern. Bis 2020 fehlen in der EU rund 230.000 Ärztinnen und Ärzte. Damit ist auch die Gewissheit verbunden, selbst in Krisenzeiten einen sicheren Beruf ausüben zu können. Die Möglichkeiten der Berufsausübung sind vielfältig. Während in den 90er-Jahren eine relativ große Zahl der Medizinabsolventen Wartezeiten von einigen Jahren bis zum Berufseinstieg hatten, stehen dem heutigen ärztlichen Nachwuchs alle Möglichkeiten offen. Die Nachfrage ist groß. Derzeit besteht die größte Nachfrage bei Hausarztpraxen und im Facharztbereich der Krankenhäuser, aber auch bei niedergelassenen Facharztpraxen gibt es bereits Nachwuchsprobleme, selbst an den Universitäten sind nicht alle Ausbildungsstellen besetzbar.

Die Zugangsbeschränkungen zum Medizinstudium in Österreich halten viele Maturanten davon ab, Medizin zu studieren.

Jonas: Meiner Meinung nach ist der Zugangstest für das Medizinstudium kein geeignetes Auswahlverfahren für den Arztberuf. Selbstverständlich ist die darin enthaltene Überprüfung von naturwissenschaftlichem Grundlagenwissen, Abstraktionsvermögen und Ausdauer sinnvoll. Allerdings fehlt ein ganz wesentlicher Aspekt des Arztberufs, die Sozial­kompetenz, die so nicht überprüft wird, jedoch für die zukünftige medizinische Versorgung der Bevölkerung von großer Wichtigkeit ist. Diese kann nur durch bestimmte Indizien im bisherigen Leben und durch Beobachtung, z.B. im Rahmen der Studieneingangsphase, überprüft werden.

Wie kann die Ärztekammer dazu beitragen, dass der Arztberuf für junge Menschen ein attraktiver Zukunftsberuf wird?

Jonas: Die Ärztekammer ist bemüht, die Rahmenbedingungen für die Berufsausübung zu verbessern. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich diese für den Arztberuf bedauerlicherweise verschlechtert, dem gilt es gegenzusteuern. Beispiele sind überlange Arbeitszeiten vor allem für Krankenhausärzte, die außerordentliche Zunahme der bürokratischen Belastungen in allen ärztlichen Bereichen, die allgemeine Finanzsituation mit zunehmenden Problemen im Gesundheitsbereich etc. Es fällt uns schwer, den Dienst am Menschen ökonomischen Interessen unterzuordnen. Welchen Beitrag hat die Ärztekammer nun geleistet? Konkret haben die Spitalsärztevertreter der Ärztekammer Einfluss auf die Betriebsvereinbarungen der Krankenhäuser genommen und dadurch einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Turnusärzteausbildung geleistet, weiters ist dadurch auch die Erprobung neuer attraktiverer Arbeitszeitmodelle durchgesetzt worden. Im niedergelassenen Bereich haben wir in Verhandlungen neue Zusammenarbeitsformen vertraglich vereinbart, die die Vereinbarkeit von
Beruf und Familie erleichtern.

Wie ist die aktuelle Situation: Wie viele Maturanten aus Vorarlberg beginnen pro Jahr ein Medizinstudium, wie viele kommen zurück?

Jonas: Die Zahl der Vorarlberger Medizinstudenten war in den vergangenen Jahren sehr gering: von 2007 bis 2010, also in vier Jahren, waren es gerade einmal 94 Studienanfänger, in den Folgejahren war der Anteil deutlich höher, da von der Landesregierung Vorbereitungskurse für die Zulassungsprüfung zum Medizinstudium gefördert wurden, sodass allein im Jahr 2011 die Zahl auf 51 angestiegen ist. Wie viele Medizinabsolventen zurück nach Vorarlberg kommen, kann ich derzeit nicht beantworten. Es bleibt zu hoffen, dass die Gehaltsreform die Attraktivität unseres Bundeslandes für Jungärzte trotz großer Konkurrenz im Vierländereck gesteigert hat.

Die Ausbildung für junge Ärzte ist ein großes Anliegen der Ärztekammer Vorarlberg. So wurde jahrelang um die Einführung der Lehrpraxen gekämpft. Das sind Ausbildungsplätze bei Allgemeinmedizinern, damit künftige Hausärzte bereits in der Praxis lernen, was später auf sie zukommen wird. Jetzt gibt es die Lehrpraxis endlich. Warum ist es für Sie wo wichtig, dass diese Lehrpraxis in Vorarlberg jetzt angeboten wird?

Jonas: Die fortschreitende Spezialisierung hat dazu geführt, dass viele Erkrankungsbilder im Rahmen der Spitalsausbildung nicht mehr gelehrt werden können, da diese Erkrankungen fast ausschließlich in der niedergelassenen Praxis behandelt werden. Zudem kann die Organisation und die betriebswirtschaftliche Führung einer Hausarztpraxis nur über die Lehrpraxis vermittelt werden. Die Ärztekammer bemüht sich seit beinahe 20 Jahren um die Einführung einer Lehrpraxis. Österreich ist eines der letzten Länder, das dieser Notwendigkeit Rechnung trägt.

Meist wird über den Kopf der Ärzte hinweg entschieden, unter welchen Bedingungen sie zu arbeiten haben. In Vorarlberg geht man jetzt einen neuen Weg – den gesundheitspolitischen Dialog. Was bringt es, wenn Ärzte in diese Zukunftsentscheidungen der Politik zumindest einbezogen werden?

Jonas: Leider sind wir noch nicht so weit. In die Zukunftsentscheidungen werden die Ärzte nicht einbezogen, allerdings werden nun die Argumente der leitenden Spitalsärzte und der Fachgruppen für die Planung notwendiger struktureller Veränderungen gehört. Wir werden sehen, wie dann die Entscheidungen getroffen werden.

Ein wachsendes Problem ist der Mangel an Landärzten. Warum ist es so schwer, junge Ärzte für eine Hausarzt-Praxis zu gewinnen?

Jonas: Der Praxisalltag hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Die hohe Arbeitsbelastung durch erforderliche hohe Patientenfrequenzen bei niedriger Abgeltung der Ordinationsleistung und steigendem ökonomischem Druck hat viele Jungärzte zuletzt abgehalten, diesen Beruf ausüben zu wollen. Besonders beim Hausarzt besteht eine hohe Bürokratiebelastung. Die Erwartungshaltung der Nachwuchsgeneration hat sich dramatisch verändert: Höchste Priorität hat die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Pflege von Freundschaften – die Sinnhaftigkeit von Arbeitsabläufen und Arbeitsinhalten wird insgesamt kritisch geprüft. Das traditionelle Haus- oder Landarztbild ist mit dieser Erwartungshaltung schwer vereinbar.

Wie kann man den Beruf des Hausarztes – vor allem am Land – attraktiver für junge Ärzte machen?

Jonas: Durch Schaffung von ärztlichen Kooperationsmöglichkeiten für die freiberufliche niedergelassene Ärzteschaft. Es war hoch an der Zeit, ärztliche Kooperationsmöglichkeiten vertraglich zu ermöglichen. Handlungsbedarf besteht sicher noch bezüglich Bürokratiereduktion, Schaffung von Rahmenbedingungen, die es den Hausärztinnen und Hausärzten ermöglicht, das Zeitkorsett für die Behandlung zu sprengen bei adäquater Abgeltung der Ordinationsleistung.

Die Medizin wird in Zukunft weiblich. Immer mehr junge Frauen studieren Medizin und entscheiden sich dafür, als Ärztin zu arbeiten und Beruf und Familie zu vereinen. Welche neuen Herausforderungen kommen damit auf uns zu – braucht es dafür neue Arbeitszeitmodelle?

Jonas: Genau das braucht es – ein Zukunftsthema, an dem wir in der Ärztekammer intensiv arbeiten. Die Gleichberechtigung der Frauen im Arztberuf erfordert neue Arbeitszeitmodelle. Interessant sind diesbezüglich auch Nachfragen von Maturantinnen bei der Berufsberatung, wie z.B. für Ärztinnen die Kinderbetreuung organisiert wird.

Es fällt uns Ärzten schwer, den Dienst am Menschen ökonomischen Interessen unterzuordnen.

Michael Jonas
Die Gleichberechtigung der Frauen im Arztberuf erfordert auch neue Arbeitszeitmodelle.
Die Gleichberechtigung der Frauen im Arztberuf erfordert auch neue Arbeitszeitmodelle.

Ärzte in Vorarlberg

» Ärzte insgesamt: 1449*

Ärzte mit eigener Ordination:

» Allgemeinmediziner: 255 (davon 158 mit Kassenvertrag)

» Fachärzte: 289 (davon 162 mit Kassenvertrag)

» Angestellte/Spitalsärzte: 1116

» 279 Allgemeinmediziner , 447 Fachärzte, 390 Turnusärzte

*(einige Spitalsärzte führen gleichzeitig auch Ordinationen)

Zur Person

» MR Dr. Michael Jonas ist Facharzt für Innere Medizin in Dornbirn.

» Langjähriger Funktionär der Vorarlberger Ärztekammer, seit 2011 deren Präsident.

» Kontakt: Ärztekammer für Vorarlberg, Dornbirn, Schulgasse 17, Tel. 05572/21900-0, aek@aekvbg.at, www.aekvbg.or.at