,,Der wehe Zahn“ aus Sunny Valentine, Band 3 „Von der Flaschenpost im Limonadensee“, Autorin: Irmgard Kramer

Extra / 21.06.2015 • 20:14 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Am Montag erschien der dritte Band der Buchreihe mit neuen Geschichten von Titelheldin Sunny Valentine.
Am Montag erschien der dritte Band der Buchreihe mit neuen Geschichten von Titelheldin Sunny Valentine.

„Ü-ÄÄÄHHH“, quietschte das Haus schauerlich. Inzwischen fand ich das Geräusch auch ziemlich nervig. Ich stopfte mir Taschentücher in die Ohren, aber das nützte nichts.

„Ü-ÄÄÄHHH!“ Im selben Moment knallten die Fensterläden in meinem Zimmer zu, als wollte sich das Haus selbst die Ohren zuhalten. Vielleicht war es aber doch nur ein Windstoß gewesen. Ganz dunkel war’s jetzt. Ich knipste das Licht an und sah, dass sich die Tintenwolken im Aquarium zu Buchstaben verformten. Ich erkannte ein S, ein U, ein N, noch ein N und ein Y.

„Hallo, Haus!“, rief ich. „Warum hast du die Fensterläden zugemacht?“

„W..I ..R“, konnte ich lesen. „ERTRAGEN DIESES GESCHMÄUS NICHT MEER.“ Wahrscheinlich meinte das Haus, dass es das Geräusch nicht mehr ertragen konnte. Aber das kapierte ich nicht. Wieso ertrug das Haus das Geräusch nicht mehr? Das Haus war es doch, dass das Geräusche machte, oder nicht?

„U-ÄÄÄHHH“, machte es schon wieder und die Fensterläden klapperten. Ich war so ratlos, dass ich Erwin dabei zusah, wie er durch die Buchstaben schwamm. Er schwamm durch einen halben Bauch von dem Buchstaben R. Dann schwamm er durch den ganzen Bauch vom D. Er drehte viele schnelle Runden um ein I und schwamm in Schlangenlinien um ein S. Als er fertig war, veränderten sich die Buchstaben wieder. „DER HAHN IST SCHULD. ER TRAMPELT AUV UNSEREN NERFEN. WIR WEHEN UM HILVE!“

Hab ich dir schon erzählt, dass unser Haus immer Wörter verwechselt? Bestimmt meinte es nicht einen HAHN, sondern was ganz anderes, vielleicht die BAHN oder einen KAHN oder ZAHN.

„Der Zahn ist schuld? Hast du etwa Zahnweh?“, fragte ich. Ich hatte bis dahin gar nicht gewusst, dass unser Haus überhaupt irgendwo einen Zahn hatte, oder hast du schon einmal ein Haus mit einem Zahn gesehen?

„JAWOHL, UNSER HAHN TUT WEH“, schrieb das Haus ins Aquarium.

„Wo ist denn dein Zahn?“, wollte ich wissen.

„AUV UNSEREM EDLEN HAUPT, WO SONST?“

Immer wenn das Haus von seinem Haupt spricht, meint es das Dach. Unser Haus hat viele große und kleine Dächer, windschiefe und alte, neue und kaputte Dächer. Auf den Dächern gibt es viele Kamine. Neben einem Kamin wehen zwei Fahnen. Aber einen Zahn habe ich dort oben noch nie gesehen. Als es erneut sehr laut und sehr schauerlich „Ü-ÄÄÄHHH“ machte, bekam ich selber fast Zahnweh und deswegen rannte ich aus meinem Zimmer die vielen Treppen hoch in den Dachboden. Dort hielt ich kurz inne. In einer Ecke war eine ganze Lego-Landschaft aufgebaut. Eine Stadt und ein Meer und eine Antarktis-Station und eine Mondstation. Mein Papa und Amir lieben Lego. Nächteweise können die beiden hier verweilen. Flip spielt lieber mit lebendigen Tieren oder mit mir. Und Konrad experimentiert lieber mit echten, großen Sachen.

Ich stieg über eine Ritterburg und ein Piratenschiff, kam an einer Insel mit Palmen vorbei und einer Ölplattform mit Kränen. Ich sah U-Boote, einen Weißen Hai, einen Landeplatz für Flugzeuge, einen Doppel-Rotor-Hubschrauber, Bagger, eine Raketenstation und kämpfende Roboter. Dann kletterte ich durch eine Luke nach Tibet. Tibet heißt ein kleiner Balkon, mein Lieblingsbalkon. Nirgends ist es so gemütlich wie in Tibet. Warmer Wind blies mir die Haare aus dem Gesicht. Ich kraxelte über das Geländer. Das war ein bisschen gefährlich, aber ich wusste, dass das Haus auf mich aufpasste. Auf Zehenspitzen schob ich mich außen am Geländer entlang, hoch über unserem Hof, bis ich das Dach erreichte. Am Blitzableiter klammerte ich mich fest und kletterte über die Dachziegel weiter nach oben. Mein Herz klopfte ganz wild. Immer höher ging es. Die Sonne schien mir auf den Rücken und ich schwitzte, als ich bei einem der vielen Kamine anlangte. Ich umklammerte ihn und wagte einen vorsichtigen Blick in die Tiefe. Weit unten rannten Flip, Monty II, der Waschbär und Paul rund um die Eiche. Sie spielten Fangen. Der Wind blies. Ich wollte umkehren, als es schon wieder quietschte. Lauter als zuvor.

„Ü-ÄÄÄHHH!“

Ich folgte dem Geräusch, stieg am Kamin vorbei, setzte mich auf den Hosen­boden, hielt mich mit meinen Händen gut fest, rutschte ein paar Meter nach unten und kletterte dann wieder hoch auf ein anderes Dach.

Und auf einmal blendete mich etwas. Ich zwinkerte und dann sah ich, was es war.

Auf dem Gipfel des nächsten Daches glitzerte ein goldener Wetterhahn in der Sonne. Der Hahn saß auf einem Pfeil über einer goldenen
Kugel. In jede Himmelsrichtung ragte ein Buchstabe:
N, O, S, W. Die Buchstaben standen für Norden, Osten, Süden und Westen. Der Wetterhahn stand auf Westen. Auf einmal lebte der Wind
auf und drehte den Wetterhahn nach Süden, dabei machte es ganz laut: „Ü-ÄÄÄHHH!“

„Hurra!“, rief ich. „Es ist der Wetterhahn! Haus, ich habe das Geräusch gefunden.“ Diesmal war das Haus an gar nichts schuld gewesen. Es hatte noch nicht mal die Wörter vertauscht. Das Haus hatte gleich gesagt, dass der Hahn schuld war. Kein Zahn. Ich musste lachen, weil ich ernsthaft gedacht hatte, dass unser Haus einen Zahn hat.

Zufrieden ächzte es im Gebälk. Ich kletterte zum Wetterhahn. Als ich direkt davor stand, fiel mir erst auf, wie groß er war. Wieder drehte er sich im Wind und ich musste mir fast die Ohren zuhalten, weil das Quietschen so laut war. Diesen Wetterhahn musste man dringend ölen. „KONRAD!“, brüllte ich nach unten. Aber von Konrad war nichts zu sehen, nur schwarzer Rauch stieg aus dem Kamin, der zu seiner Werkstatt gehören musste. Ein bisschen roch es nach gegrillten Würstchen. Ich bekam Hunger. Und dann stellte ich mir vor, wie ich zuerst nach unten klettern und Konrad holen musste, aber Konrad würde sich nicht aufs Dach trauen, also würde er Amir aufs Dachen schicken, aber Amir würde keine Zeit haben, denn bis die Kichererbsen die Rechnungen kapierten, dauerte es sicher eine halbe Ewigkeit. Es war besser, ich reparierte den Hahn selbst.

Zur Person

Irmgard Kramer

Lebt als freie Autorin im Bregenzerwald und schreibt Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Texte für Magazine.

Geboren: 1969 in Dornbirn

Laufbahn: Bis 2010 Volksschullehrerin, seit 2012 bei der Literatur-Agentur „Scripts for Sale“ unter Vertrag.

Auswahl-Werke: „Die indische Uhr“, Am Ende der Welt traf ich Noah“, Buch-Reihe „Sunny Valentine“