Vom Kopf direkt in die Leber

21.04.2017 • 06:32 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Präzise werden die Lebertumore von außen angesteuert. Foto: uniklinik innsbruck
Präzise werden die Lebertumore von außen angesteuert. Foto: uniklinik innsbruck

Vorarlberger entwickelte schonende Tumorentfernung in Innsbruck zur Perfektion.

Feldkirch. Innsbruck. (VN-mm) Leberkrebs macht neun Prozent aller Krebserkrankungen aus und ist die zweithäufigste krebsbezogene Todesursache weltweit. Neben dem Alkoholmissbrauch, der Leberzirrhosen zur Folge hat, wird die Fettleber zu einem immer größeren Problem. Am häufigsten sind jedoch Lebermetastasen aufgrund von Dickdarmkrebs. „Sie betreffen fast die Hälfte aller Patienten“, sagt Primar Holger Rumpold, Leiter der Interne II im Landeskrankenhaus Feldkirch. Während kleinere Lebertumore in den eigenen Häusern unschädlich gemacht werden können, müssen bei größeren Tumoren die Spezialisten der Uniklinik Innsbruck ran. Zu ihnen gehört Prof. Reto Bale. Der gebürtige Satteinser hat die dort angebotene Methode der Radiofrequenzablation, bei der Tumore mittels wechselstromerhitzter Nadeln „verbrannt“ werden, zur Perfektion entwickelt. Im Unterschied zur herkömmlichen Methode, bei der lediglich eine einzelne Nadel gesetzt wird, verwendet er ein neurochirurgisches 3D-Navigationssystem, das er durch stereotaktische Steuerungshilfen ergänzte. Auf diese Weise können gleich mehrere Nadeln im Tumor platziert und damit auch große Tumore erfasst werden.

Weltweit im Einsatz

In Vorarlberg erkranken pro Jahr etwa 40 bis 50 Personen an Leberkrebs. Die Entfernung der Tumore erfolgt meist chirurgisch. Aber auch die Verbrennung wird an den onkologisch tätigen Krankenhäusern im Land durchgeführt. Doch diese Interventionsmöglichkeit beschränkt sich auf Tumore mit einem Durchmesser von maximal drei Zentimetern. „Patienten mit größeren Tumoren übernimmt die Uniklinik für Radiologie in Innsbruck“, erklärt Holger Rumpold. „Wir behandeln fast jede Woche einen Patienten aus Vorarlberg“, bestätigt Reto Bale, der als Radiologe an der Abteilung für interventionelle Onkologie tätig ist. Schon als Student machte er sich Gedanken darüber, wie sich neurochirurgische 3D-Navigationssysteme für präzise Punktionen verwenden lassen. So entwickelte er mit zwei seiner Kommilitonen eine auf einem individuellen Vakuumzahnabdruck basierende Kopffixierung für ein 3-D-Navigationssystem. Diese nach den Erfindern Vogele, Bale und Hohner benannte VBH-Kopfhalterung ist mittlerweile weltweit insbesondere in der präzisen stereotaktischen Strahlentherapie im Einsatz.

Patent angemeldet

„Wir wollten aber auch wissen, wie man am besten ganz genau von außen zu einem Punkt im Gehirn kommt“, erzählt Reto Bale. Er hatte im Rahmen von Genauigkeitsstudien an einem Plastikmodell „mitten in der Nacht im HNO-Operationssaal“ die Idee für eine Zielvorrichtung. Somit war es erstmals möglich, mit einem 3D-Navigationssystem, das ursprünglich nur für offene neurochirurgische Operationen konzipiert und eingesetzt wurde, millimetergenau jede Struktur im Kopf über die Haut anzusteuern. Vorher war dies lediglich mit stereotaktischen Rahmen machbar, die mit Metallstiften am Schädel festgemacht werden mussten. Inzwischen sind weltweit mehrere verschiedene Zielvorrichtungen für präzise neurochirurgische Punktionen im Einsatz. Die meisten von ihnen beruhen auf der ersten von Bale 1995 am Österreichischen Patentamt angemeldeten Zielvorrichtung.

Innovativste Methode

Dem nicht genug. „Was im Gehirn funktioniert, müsste auch woanders gehen“, dachte sich Bale. Er und sein Team wagten sich an die Leber. Zwar ist die Radiofrequenzablation eine etablierte Behandlungsmethode. In Innsbruck wurde sie durch die Verwendung stereotaktischer Steuerungshilfen aber entscheidend verbessert. So gilt die stereotaktische Radiofrequenzablation (sRFA) heute als die innovativste und effektivste Methode zur lokalen Behandlung von Lebertumoren. „Sie ist extrem präzise“, freut sich Reto Bale, dass seine Abteilung der Zeit praktisch 16 Jahre voraus ist und schon fast 900 Patienten erfolgreich behandelt hat. Denn erst seit Kurzem investiert eine Schweizer Firma in diese junge Technik.

Mit der sRFA können Lebertumore zerstört werden, ohne dass eine Operation im herkömmlichen Sinne notwendig ist. Das Auge des Operateurs wird durch moderne Bildgebung ersetzt, das Skalpell durch Nadeln oder dünne Katheter. Die Nadeln werden in den Tumor eingebracht und auf 60 bis 80 Grad erhitzt. Die Lokalisation erfolgt mit Unterstützung von aktuellen CT-Aufnahmen. Nach dem minimalinvasiven Eingriff bleiben nur kleine Narben des Einstiches zurück, die Patienten können nach ein bis vier Tagen das Krankenhaus verlassen.

Kein Unterschied

Die Rezidivrate, also die Häufigkeit, mit der es an der behandelten Stelle zu einem neuerlichen Tumorwachstum kommt, liegt bei ca. 10 Prozent und unterscheidet sich nicht von jener nach einer offenen chirurgischen Tumorentfernung. Bale schätzt, dass mehr als 90 Prozent der offenen Leberoperationen durch die schonendere sRFA ersetzt werden könnten. Darüber hinaus können auch Patienten von einer sRFA profitieren, bei denen eine offene Operation aus verschiedensten Gründen, wie zum Beispiel ein Heranwachsen des Tumors an wichtige Gefäße, nicht möglich wäre.