Bei Prostatavorsorge differenziert vorgehen

Gesund / 07.07.2017 • 08:42 Uhr

Risiko einer Früherkennung besteht in der Überdiagnose und Übertherapie.

Hall in Tirol. Eine von Forschern der Tiroler Health and Life Sciences Universität UMIT, des Oncotyrol-Zentrums, der Medizinischen Universität Innsbruck und der Universität Toronto im „BMC Public Health“ publizierte Simulationsstudie wirft ein kritisches Licht auf Untersuchungen zur Früherkennung von Prostatakrebs und beleuchtet deren Nutzen und Risiken. „Wie die meisten medizinischen Verfahren bergen Früherkennungsuntersuchungen nicht nur Chancen, sondern auch Risiken in sich. Dies rückt zunehmend in das Bewusstsein der Bevölkerung“, erklärt der Leiter des Departements, Univ.-Prof. Uwe Siebert.

Ein wesentliches Risiko der Prostatakarzinomfrüherkennung besteht in der Überdiagnose und Übertherapie. Darunter versteht man die Diagnose und Behandlung von klinisch unbedeutenden Tumoren, die zu Lebzeiten keine Beschwerden verursachen und ohne eine gezielte Früherkennungsuntersuchung nicht entdeckt werden. Derzeit existiert noch keine zuverlässige Methode, um klinisch unbedeutende von klinisch relevanten Tumoren zu unterscheiden. Infolgedessen kann es vorkommen, dass auch klinisch unbedeutende Tumoren behandelt werden, was die betroffenen Patienten unnötigen und nicht seltenen Langzeitkomplikationen wie Impotenz, Inkontinenz und Darmbeschwerden aussetzen kann.

Schaden und Nutzen

Das von den Forschern im Rahmen eines Oncotyrol-Forschungsprojekts für personalisierte Medizin entwickelte Simulationsmodell errechnet die positiven und negativen Auswirkungen der Früherkennungsuntersuchung auf die Lebenszeit und Lebensqualität der teilnehmenden Männer und analysiert, unter welchen Gegebenheiten der mögliche Schaden der Früherkennungsuntersuchung den möglichen Nutzen überwiegt. Projektkoordinator Ass.-Prof. Nikolai Mühlberger fasst die Studienerkenntnisse wie folgt zusammen: „Die Ergebnisse unserer Studie weisen darauf hin, dass die Teilnahme an den Früherkennung das Risiko, an einem Prostatakarzinom zu versterben, verringert und die Lebenserwartung verlängert. Bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Auswirkungen der Früherkennungsuntersuchung auf die Lebensqualität ergibt sich allerdings, dass Männer mit einem erhöhten familiären Prostatakarzinomrisiko von der Früherkennung profitieren, während bei Männern mit durchschnittlichem Risiko der Gesamtschaden durch die Früherkennung überwiegen kann. Darüber hinaus ergab unsere Modellrechnung, dass der Nutzen der Früherkennung bei Männern mit erhöhtem Risiko auch sehr stark von ihrer eigenen Bewertung der möglichen behandlungsbedingten Nebenwirkungen abhängt.“

Patientenaufklärung

Univ.-Prof. Werner Horninger, Leiter der Urologie an der Medizinischen Universität Innsbruck, erklärt: „Die Studie leistet einen Beitrag zur Verbesserung der Patientenaufklärung und dem gezielteren Einsatz der Früherkennung, die uns allen am Herzen liegt.“