Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Friedlich

09.08.2019 • 09:18 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Jersey: die größte der kleinen Kanalinseln und ein Steuerparadies. Geklotzt wird trotzdem nicht, höchstens gekleckert. Banken, die sich diskret im Schatten alter Bausubstanz ducken. Ab und an ein Auto, das für die engen Straßen und zahlreichen ampelgeregelten Kreuzungen ein paar PS zu viel unter der Haube hat. Jachten, die grad ein bisschen mehr sind als nur Schaluppen. Protz mit Stil eben. Doch das Eiland verfügt auch über schöne Strände und Steilküsten, die sich wunderbar erwandern lassen. Dass die Vergangenheit beinahe auf Schritt und Tritt mitläuft, ist auch ein Spezifikum von Jersey.

Während des Zweiten Weltkriegs überließen die Briten die Kanalinseln praktisch kampflos den Deutschen. Obwohl entmilitarisiert, baute das Naziregime vorrangig Jersey zu einer Festung aus. Bunker um Bunker wurden in die Felsen geschlagen und Betontürme errichtet. Noch heute legen sie beredtes Zeugnis vom unbändigen Machtstreben eines Wahnsinnigen ab. Inzwischen ist buchstäblich Gras über die Sache gewachsen. Die Natur hat sich weitgehend zurückgeholt, was ihr damals mit Gewalt genommen wurde. Ganz zuzudecken vermag sie die Geschichte nicht. Es ist, als ob sie sich bewusst gegen das Vergessen stemmen würde. Aber heute stehen Bänke auf den mit Rissen durchzogenen Bunkerdecken. Touristen ruhen sich dort aus und lassen den Blick über das endlos scheinende Meer schweifen. Ein Bild des Friedens. Wir werden alle in irgendeiner Form daran arbeiten müssen, dass es so bleibt.

Marlies Mohr

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