Blasenschwäche trifft auch Männer

Problem des ungewollten Harnverlusts als Alterserscheinung.
Feldkirch Inkontinenz wird immer noch fast ausschließlich mit Frauen in Verbindung gebracht. Tatsächlich trifft Blasenschwäche aber auch Männer, wenngleich nicht so häufig wie das weibliche Geschlecht. „Unmittelbar nach einer radikalen Prostataentfernung sind viele Patienten vorübergehend inkontinent“, erklärt Oberarzt Andreas Berger von der Abteilung für Urologie im Landeskrankenhaus Feldkirch. Meistens erledige sich das Problem jedoch nach einigen Wochen bis wenigen Monaten. Es gibt allerdings Formen von Inkontinenz, die behandelt werden sollten, etwa schwere Formen der Belastungs- und Dranginkontinenz.
Hohe Dunkelziffer
Inkontinenz bezeichnet jeden unbeabsichtigten Harnverlust. Bei Männern tritt er vor allem in höherem Alter auf. Andreas Berger spricht von 11 Prozent bei 60- bis 65-Jährigen, über 85 steigt die Betroffenheit auf bis zu 30 Prozent. „Da ist die ganze Bandbreite dabei, von ein paar Tröpfchen am Tag bis große Mengen verlieren“, berichtet der Urologe. Eine Belastungsinkontinenz liegt vor, wenn etwa Bewegung oder körperliche Anstrengung zum ungewollten Harnverlust führen. Ursache ist eine Schwäche des Schließmuskels. Bei der Dranginkontinenz zeigt der Blasenmuskel eine Überaktivität, die mitunter nicht gesteuert werden kann. Weiters kennt die Medizin noch die Mischinkontinenz, die aus den beiden vorgenannten Leiden resultiert. Je älter die Männer werden, umso häufiger liegt eine Dranginkontinenzproblematik vor. Eine Belastungsinkontinenz wiederum ist im natürlichen Verlauf beim Mann eher selten, aber häufig assoziiert mit Operationen an der Prostata. In solchen Fällen seien die Männer sensibilisiert und in der Nachsorge. Eine hohe Dunkelziffer ortet Andreas Berger hingegen bei Drang- oder Mischinkontinenz. Sehr oft würden sich die Leute mit Einlagenversorgung helfen. Erst wenn der Harnverlust ein gewisses Ausmaß überschreite und das soziale Leben erschwere, werde ein Arzt aufgesucht.
Beckenbodentraining
Die Behandlung richtet sich nach der Form der Inkontinenz. Die lässt sich mittels Fragebögen und Miktionstagebüchern oder Einlagentests gut herausfinden. „Häufig ist es ein relativ kleines Problem, aber es kann auch verheerend sein“, räumt der Urologe ein. Begonnen wird immer mit den leichtesten Therapiemethoden. Dazu gehören Lebensstiländerungen. „Verliert jemand Harn in der Nacht, sollte er Flüssigkeiten eher in der ersten Tageshälfte konsumieren und koffein- oder kohlensäuerehaltige Getränke meiden“, nennt Berger ein Beispiel. Übergewicht verschlechtert eine Belastungsinkontinenz ebenfalls. Der erste Schritt ist immer ein Beckenbodentraining. Berger: „Es stellt einen wesentlichen Mosaikstein in der Therapie dar, und viele kommen damit schon recht weit.“ Gewisse Formen von Elektrostimulation können ebenfalls hilfreich sein. Daten würden das bestätigen. Bringt das Beckenbodentraining keinen Erfolg, wird es mit Medikamenten kombiniert, die den Blasenmuskel ruhigstellen. Deren Einsatz ist jedoch zeitlich limitiert. In schweren Fällen kann die Katheterversorgung eine Option sein.
Botox und Operationen
Die Belastungsinkontinenz lässt sich im Gegensatz zur Dranginkontinenz auch operativ gut behandeln. Zu den Männern, die eine operative Therapie benötigen, zählen jene, die nach einer Prostataentfernung nicht zufriedenstellend kontinent werden und Patienten mit neurogenen Blasenentleerungsstörungen nach einem Schlaganfall oder Parkinsonpatienten. Den meisten sei mit einer operativen Technik gut zu helfen. Bei Belastungsinkontinenz am häufigsten angewandt wird die Schlingen- und Bandtechnik. Liegt eine Dranginkontinenz vor, sind Botox-Injektionen eine Möglichkeit. Botox wird in den Blasenmuskel eingebracht, es lähmt die Muskulatur und unterbindet ungewollte Kontraktionen. Allerdings muss die Prozedur oft wiederholt werden, weil der Effekt irgendwann nachlässt. Botox ist eine Empfehlung für Patienten mit überaktiver Blase, die keine Medikamente schlucken können oder wollen, rangiert im Therapie-Algorithmus aber weit hinten. Die beste Therapie gibt es laut Oberarzt Andreas Berger sowieso nicht, es handle sich vielmehr um Erfahrungswerte. „Man muss sich auch als Operateur damit wohlfühlen“, sagt er. VN-MM