Ein Schweizer Konsul als Fluchthelfer

Ernest Prodolliet und der gescheiterte Fluchtversuch von Max Wortsmann.
Bregenz Im Rahmen einer neuen gemeinsamen Serie blicken die VN-Heimat und das Jüdische Museum Hohenems auf das Wirken des Schweizer Diplomaten Ernest Prodolliet, der ab April 1938 im Konsulat in der Bregenzer Römerstraße beschäftigt war. In seiner Funktion stellte er eigenmächtig und unbemerkt wohl mehrere Hundert illegale Visa aus, womit er vielen Jüdinnen und Juden die Flucht in die Schweiz ermöglichte. Im Projekt www.ueber-die-grenze.at wird ihm seit Juli vergangenen Jahres eine von 52 Geschichten gewidmet.

Der bei seinem Amtsantritt in Bregenz 32-jährige Prodolliet stammte aus Amriswil im Kanton Thurgau und konnte bereits auf eine zehnjährige Diplomatenlaufbahn zurückblicken. Über die Stationen Mannheim, New York, Chicago und St. Louis hatte es ihn wieder an den Bodensee verschlagen, wo er in seiner neuen Position bald als Teil des Fluchthilfe-Netzwerks rund um Recha Sternbuch aus St. Gallen insbesondere durch die großzügige Ausstellung von Visa half. Auch versuchte er, die Vorgesetzten im Rahmen seiner Möglichkeiten durch verständnisvolle Berichte im Sinne der Flüchtlinge zu beeinflussen. Dies legte der Chef der eidgenössischen Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund, im Sommer 1938 jedoch gegenteilig aus und verwendete Prodolliets Berichte als Begründung der notwendigen Grenzschließungen.

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Als Besprechungsort diente Prodolliet das wenige Minuten vom Konsulat entfernte Gasthaus Zehbäck in der Kirchstraße, gegenüber dem schon damals dort befindlichen Vorarlberger Landesarchiv. Hier traf er sich auch mit dem St. Galler Polizeihauptmann und Fluchthelfer Paul Grüninger, um sich über ihr gemeinsames Anliegen zu unterhalten. Im Zehbäck wurden aber auch Habseligkeiten von Flüchtlingen deponiert, die es in die Schweiz zu schmuggeln galt.

Ernest Prodolliet beteiligte sich zudem aktiv an der Fluchthilfe, wie beispielsweise bei Josef Udelsmann, dem er in seinem eigenen Auto, dank der Bekanntschaft mit den Polizeibeamten, über die Schweizer Grenze verhelfen konnte.
In der Nacht des 23. November 1938 versuchte Prodolliet erneut, einem jüdischen Emigranten über die Grenze zu helfen, diesmal am Alten Rhein bei Hohenems. Dort näherte er sich mit Max Wortsmann, der ihm „in 10 bis , 15 Schritten Abstand“ folgen sollte, wie dem Buch „Grüningers Fall“ des Schweizer Historikers Stefan Keller zu entnehmen ist, einem Damm. Doch sie wurden bemerkt, es fielen Schüsse und ihre Wege trennten sich.

Während Wortsmann zunächst nach Stuttgart zurückkehren und später auf anderem Weg seiner bereits geretteten Familie folgen konnte, hatte die missglückte Aktion nahe dem Diepoldsauer Strandbad für Prodolliet ein unangenehmes Nachspiel. Sein Vorgesetzter Carl Bitz hatte genug von den Eskapaden seines unkonventionellen Mitarbeiters, über die er sich bereits zuvor bei der übergeordneten Stelle in Bern beklagt hatte.

Ernest Prodolliet wurde schließlich bestraft und nach Amsterdam versetzt. Auch dort sollte er seine bis Ende 1942 ausgeübte Position nutzen, um Jüdinnen und Juden zu helfen, ehe sich nach erneuten Beschwerden seine Versetzung wiederholte. Nach Stationen in Berlin, Paris und Rotterdam endete seine Diplomatenkarriere 1970 in Besançon. 1984 verstarb er in Amriswil, zwei Jahre zuvor wurde er noch für seine Leistungen mit dem Ehrentitel Gerechter unter den Völkern von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem ausgezeichnet. RAE
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