Senioren verraten ihr Geheimnis für ein langes Leben: “Wenn Musik läuft, tanze ich mit mir selbst”

Altwerden beginnt nicht erst, wenn es zwickt. Es startet lange zuvor. Drei betagte Pensionisten verraten ihr Geheimrezept.
Darum geht’s:
- Altern verläuft in Schüben, nicht kontinuierlich.
- Bewegung und Neugier sind Schlüssel für lebensfrohes Altern.
- Bewohner schätzen Rituale und soziale Aktivitäten.
Feldkirch Lange galt Altern als schleichender, gleichmäßiger Prozess, doch eine Studie der Universität Standford zeigt ein anderes Bild. Unser Körper altert in Schüben. Forschende zeigen, dass sich biologische Veränderungen nicht kontinuierlich vollziehen, sondern sich in bestimmten Lebensphasen deutlich beschleunigen – oft schon Jahrzehnte, bevor klassische Altersbeschwerden auftreten. Besonders markant sind diese Umbrüche in der Lebensmitte.
Wie aber lebt man gut mit diesen Veränderungen? Was hält Menschen beweglich, interessiert, lebensfroh – auch dann, wenn der Körper nicht mehr alles mitmacht? Drei Pensionisten aus dem Seniorenheim Haus Gisingen in Feldkirch erzählen.

Hildegard Türtscher ist 90 und lacht viel. Ihr Leben war Arbeit: Haushalt, Fabrik, Kinder. “Gesund leben war kein Thema”, sagt sie. Gegessen wurde, was da war. Die Oma hatte einen Bauernhof und immer darauf geschaut, dass die kleine Hildegard genug zu essen bekam. “Es war Krieg, wir durften nicht heikel sein, hatten aber immer genug.” Heute liebt sie Suppe und Obst. Bewegung gibt’s bei Hildegard Türtscher regelmäßig, denn sie liebt Musik. “Ab und zu tanze ich mit mir allein”, sagt sie. Früher lebte sie lange in Spanien, habe die Sonne und den Wein genossen, nun genießt sie ihre Zeit im Seniorenheim “Haus Gisingen” in Feldkirch.
“Die Millionäre sind alle geizig”

Rosa Kutellin ist die ruhigere der beiden Damen, 91 Jahre alt und in ihr Gedichtebuch vertieft. “Ich helfe, wo ich helfen kann”, sagt die Wahlamerikanerin und schaut kurz auf. Rosa Kutellin hat fast ihr halbes Leben in den USA gearbeitet. Zuerst als Haushaltshilfe, später als Bürokauffrau. “Es gab wenig zu essen, aber ich konnte arbeiten und Englisch lernen”, sagt sie. Disziplin war immer Teil ihres Lebens. Bewegung, bewusst essen, interessiert bleiben. “Die Millionäre sind so geizig – sie sparen beim Essen und überall.” Wählerisch durfte man da nicht sein. “Wenn ich noch einmal jung wäre, dann würde ich es wieder so machen”, strahlt Rosa Kutellin. Reisen, neugierig sein und sich weiterbilden, sei ein Teil vom Geheimnis des Älterwerdens. Ab und zu schreibt die Pensionistin Gedichte. Dabei erinnert sie sich an alte Zeiten und das tut gut.
Trotz Atemgerät guten Mutes

Werner Scher (84) geht nach dem Mittagessen seine Runden durchs Haus, ein Sauerstoffgerät begleitet ihn, die Lust an Bewegung ist geblieben. Jahrzehntelang fuhr er Radrennen und war viel in den Bergen. Seine Atemwegserkrankung kommt aus der Arbeit beim Vulkanisieren, doch “wir brauchten das Geld – daher war ein Jobwechsel keine Option”. Seine versteifte Wirbelsäule stammt von einem Unfall, berichtet Werner Scher. “Ich habe hier großes Glück”, sagt er. Er geht selbst zur Therapie, fährt Bus, nutzt den Computer. Nach dem Essen spaziert er täglich durchs Haus und sorgt so für Bewegung. “Bewegung hält mich aufrecht”, sagt Scher. Körperliche Fitness ist nicht mehr möglich, doch geistig sei er dafür umso aktiver. “Ich lese jeden Tag die VN und das soll jetzt keine Werbung sein”, berichtet er im Gespräch mit den VN.
Aktivierung hält fit

Begleitet werden die Bewohner im Haus Gisingen von Ulrike Rigo. Sie ist Aktivierungsfachfrau und hat diesen Beruf vor 21 Jahren gefunden. “Zeit schenken ist das Wichtigste”, sagt sie. Basteln, zuhören, singen, bewegen. “Auch ein Lied ist Aktivierung”, sagt sie. “Ich arbeite auch mit jenen, die sich zurückziehen”, sagt sie. Menschen, die nicht in Gesellschaft möchten, besucht sie im Zimmer. Oft sind es die kleinen Dinge, die Mut machen, dabei zu sein. Dienstags gibt es eine Bewegungs- und Gedächtnisrunde. Im Sitzen turnen, danach Gespräche. Jahreszeiten, Feste, Alltagsthemen. Dinge, die vertraut sind.