Die “Fabrik” von Rankweil: Motor einer industriellen Epoche

Von der Baumwollspinnerei zum Gewerbepark – ein Industrieareal prägt Rankweil bis heute.
Rankweil In Rankweil sprach man lange nicht von unterschiedlichen Fabriken, sondern von “der Fabrik”. Gemeint war jener markante Industriekomplex am Rand des Ortes, wo die Frutz in die Talsohle eintritt. Als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Textilfieber große Teile Vorarlbergs erfasste, erreichte diese Entwicklung auch die damals noch stark von Waldwirtschaft geprägte Gemeinde. Anfang der 1840er-Jahre ließ der Feldkircher Getreidehändler Johann Michael O. Meier einen viergeschossigen Industriebau errichten, in dem 1844 eine Baumwollspinnerei ihren Betrieb aufnahm. Wenige Jahre später arbeiteten dort rund 150 Menschen.

Nach Meiers Tod im Jahr 1862 übernahm sein Schwiegersohn Anton Gantner den Betrieb. Doch die Auswirkungen der Baumwollkrise infolge des amerikanischen Sezessionskriegs brachten wirtschaftliche Schwierigkeiten. Schließlich wurde die Fabrik an die Textilfirma Rosenthal aus Hohenems verkauft. Schon damals war das Areal ein beeindruckender Industriekomplex: Neben dem Spinnereigebäude gehörten Ofenhaus, Turbinenanlage zur Energiegewinnung aus dem Mühlbach, Werkstätten, Tischlerei und Wohngebäude dazu.

Innovationen
Unter den Gebrüdern Rosenthal wurde die Produktion modernisiert. Mit baulichen Erweiterungen ab 1879 und einer groß angelegten Erweiterung 1889 wuchs das Areal deutlich. Gleichzeitig wurde in die Energieversorgung investiert. Ein über ein Aquädukt geführter Kanal speiste Turbinen mit rund 500 PS Leistung. Um 1900 wurde zusätzlich eine Zwillingsdampfmaschine mit 300 PS installiert, während rund 175 Beschäftigte in der Fabrik arbeiteten. Mit der Gründung einer Aktiengesellschaft im Jahr 1905 und späterer Übernahme durch eine Bank setzte sich die industrielle Entwicklung fort. 1910 ergänzte ein Wasserturm aus Stahlbeton – damals eine technische Innovation – das Erscheinungsbild der Anlage.
Musterbetrieb im Krieg
Während des Ersten Weltkriegs wechselten die Eigentümer mehrfach, ehe die Produktion zwischen 1916 und 1932 vollständig ruhte. Erst mit der Übernahme durch das Dornbirner Textilunternehmen F. M. Rhomberg wurde der Betrieb wieder aufgenommen und modernisiert. In den 1930er-Jahren ersetzten moderne Turbinen die alte Dampfmaschine. Gleichzeitig entstanden soziale Einrichtungen wie eine Spinnereilehrwerkstätte sowie Werksküche und Speisesaal.
Während der NS-Zeit wurde die Fabrik als Musterbetrieb geführt und arbeitete für die Rüstungsindustrie. Ab 1942 mussten auch Zwangsarbeiter dort arbeiten – ein dunkles Kapitel der Unternehmensgeschichte. Nach dem Krieg verlagerte sich der Fokus auf soziale Infrastruktur: Arbeiterwohnhäuser entstanden, sodass um 1970 ein Drittel der Belegschaft in Werkswohnungen lebte.
Mit der Stilllegung der Produktion in den späten 1980er-Jahren endete die industrielle Nutzung. Das Areal wurde unter Denkmalschutz gestellt und in einen modernen Gewerbepark umgewandelt. Heute erinnern historische Gebäude wie die Direktorenvilla und Teile der Industriearchitektur an eine Zeit, in der “die Fabrik” das wirtschaftliche Herz Rankweils bildete.