Vom Textilzentrum zur Industriestadt

Heimat / 04.03.2026 • 14:59 Uhr
Bludenz mit Welschem Viertel und der Uhrenfabrik Plangg & Pfluger um 1940. Foto: Stadtarchiv Bludenz.
Bludenz mit Welschem Viertel und der Uhrenfabrik Plangg & Pfluger um 1940.stadtarchiv bludenz

Wie Bludenz im 19. und 20. Jahrhundert zu einem industriellen Kernraum Vorarlbergs wurde.

Bludenz Was heute nach beschaulicher Kleinstadt klingt, war einst ein pulsierender Industriestandort – angetrieben von Wasserkraft, Eisenbahn und einem Unternehmen, das alles überragte. Schon lange bevor Dampfkessel und Fabrikschlote das Stadtbild prägten, nutzten Handwerker die Energie von Brunnenbach, Alvierbach sowie Niez- und Stutzbach. Mit der Ill als breiter Wasserachse war die Grundlage für größere Betriebe gelegt. Doch erst die neue Mobilität machte aus dem regionalen Gewerbe ein industrielles Netzwerk: 1830 verband eine von Alois Negrelli geplante Straße die Stadt mit Feldkirch. 1872 erreichte die Vorarlbergbahn Bludenz, 1884 wurde der Bahnhof durch die Arlbergbahn zum Verkehrsknotenpunkt, 1905 folgte die Montafonerbahn. Waren, Rohstoffe, Arbeitskräfte – alles kam nun schneller ans Ziel. Zwischen 1800 und 1920 verdreifachte sich die Bevölkerung auf rund 6000 Menschen.

Ofenfarbik Lutz & Söhne um 1930. Foto: Stadtarchiv Bludenz
Ofenfabrik Lutz & Söhne um 1930. Foto: Stadtarchiv Bludenz

Big Player Getzner

Das industrielle Herz schlug jedoch im Takt eines Namens: Getzner, Mutter & Cie. 1818 gegründet, machte das Unternehmen die Region zum Textilzentrum. Mit der Spinnerei Brunnental, der Lünerseefabrik in Bürs und später der Buntweberei in Bludenz wuchs ein Imperium, das Generationen von Menschen beschäftigte. 1886 kam die Spinnerei Klarenbrunn hinzu. Rund um den Branchenriesen siedelten sich nach und nach weitere Betriebe an: Neben dem dominanten Firmenimperium entwickelten sich kleinere Textilbetriebe. Die Spinnerei Alt-Klarenbrunn von Wolf & Cie. existierte von 1836 bis 1883, deren Teilhaber Christian Lorünser gründete später die Wollstoff- und Tuchfabrik Lorünser in Nüziders. Dort entstanden außerdem die Fenster- und Türenfabrik Dressel & Pauli. Weitere kurzlebige Initiativen wie die Streichgarnspinnerei Fidel Dörler & Cie. wurden von Getzner, Mutter & Cie. unterstützt. Manche Initiativen waren nur kurze Episoden, andere wandelten sich. Von 1908 bis noch vor einigen Jahren waren die Vorarlberger Zementwerke an diesem Standort beheimatet. Ein Teil überdauerte die Modernisierung 1926 durch Willibald Braun, bevor die Anlage 2011 abgerissen wurde.

Architektonisches Wahrzeichen

Bludenz war jedoch mehr als Textil. In den Hallen der ehemaligen Spinnerei Brunnental wurden Papier und Bindfäden gefertigt, später zog der Schokoladenhersteller Suchard ein. Die Brauerei Vorarlberg entwickelte sich zu einem bedeutenden Arbeitgeber. Um 1900 versuchte sich sogar eine Schweizer Uhrenfabrik am Standort. Metallverarbeitung repräsentierte die 1857 gegründete Ofenfabrik Lutz, während die Kunstmühle Gebrüder Gunz aus den 1930er-Jahren bis heute als architektonisches Wahrzeichen gilt. Mit den Fabriken wuchs die Stadt. Bahngleise schnitten durch neue Viertel, Arbeiterwohnsiedlungen wie das Welsche Viertel oder die Siedlung Mokry entstanden. Westlich der Altstadt ließen sich Unternehmer repräsentative Villen bauen – ein steinerner Kontrast zur Welt der Webstühle und Dampfkessel. Bis heute ist diese Geschichte sichtbar: in den mächtigen Backsteinbauten der dominanten Lünerseefabrik in Bürs, in den Relikten der Spinnerei Klarenbrunn, im Sudhaus der Brauerei. Nördlich und nordwestlich dagegen blieb die Landschaft ländlich geprägt. Gerade dieses Nebeneinander macht den Charakter von Bludenz aus – eine Stadt, in der Industriegeschichte und Alpenidylle eine ungewöhnlich enge Verbindung eingegangen sind und so eine gelungene Mischung aus industrieller Entwicklung, urbaner Infrastruktur und traditioneller Landschaftsnutzung widerspiegelt. MEC