“Um neun Uhr stehen alle vor der Tür” – Warum die Kleiderstube Walgau für viele unverzichtbar ist

Was vor zehn Jahren in völligem Chaos begonnen hat, ist heute für viele Menschen ein fixer Teil ihres Alltags. Die Freiwilligen der Kleiderstube Walgau in Bludesch Gaisbühel geben Einblick.
Darum geht’s:
- Kleiderstube in Gaisbühel entstand 2015 aus Chaos.
- Heute sozialer Treffpunkt mit 14 ehrenamtlichen Helfern.
- Integration, Weiterverwendung und Spenden stehen im Fokus.
Bludesch Wenn Waltraud Ammann durch die Regale der Kleiderstube geht, greift sie fast beiläufig nach einer Jacke, richtet einen Stapel T-Shirts und lächelt. Ordnung schaffen, sagt sie, sei für sie “fast etwas Meditatives”. Was heute selbstverständlich wirkt, begann vor zehn Jahren mit Chaos – und einem spontanen Entschluss.

“2015 sind die Säcke einfach im Gang gelegen”, erinnert sich Amann. Kleidung für Geflüchtete, unsortiert, ungeordnet, aber dringend gebraucht. “Da haben wir entschieden, dass wir etwas tun müssen.” Aus ein paar Frauen, vielen Bananenschachteln und einer Portion Improvisation ist Schritt für Schritt die Kleiderstube Walgau in Gaisbühl entstanden.

Heute ist daraus ein fixer sozialer Treffpunkt geworden. Jeden Mittwoch stehen Menschen schon vor der Öffnung vor der Tür. Drinnen sortieren sieben, acht freiwillige Personen die Kleidung, sie beraten und helfen. Insgesamt engagieren sich 14 ehrenamtliche Frauen und Männer regelmäßig in ihrer Freizeit.
Vom Notlager zum Begegnungsort
Die ersten Jahre waren geprägt von einer klaren Zielgruppe: Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak. “Am Anfang waren es fast nur Männer”, erinnert sich Ammann. “Die haben hier den Ton angegeben.” Mit der Zeit hat sich das Bild verändert. Heute kommen ukrainische Vertriebene, Pflegekräfte aus Osteuropa, Familien und zunehmend auch Einheimische.

“Viele schätzen einfach, dass Dinge weiterverwendet werden”, sagt sie. Der Begriff “brucht” fällt dabei oft. Kleidung, Geschirr oder Schuhe, hier findet fast alles ein zweites Leben.
Wir mussten die Frauenrollen stärken und Integration leisten
Die Kleiderstube war nie nur ein Ort der Versorgung. Gerade in den Anfangsjahren sei auch viel Integrationsarbeit geleistet worden, erzählt Ammann offen. Unterschiedliche Kulturen oder Vorstellungen vom Umgang miteinander haben zu richtigen Spannungen geführt.
“Wir mussten klare Regeln setzen”, sagt sie. Außerdem mussten wir dafür sorgen, dass die Anweisungen der Helferinnen gelten. “Das wurde zuerst abgelehnt, dann aber gelernt. Die Rolle der Frauen war ein riesiges Thema”, sagt die Initiantin. Dass Frauen überhaupt etwas zu sagen haben, war für viele Menschen hier neu. Heute funktioniere das Miteinander weitgehend problemlos. “Die meisten grüßen respektvoll und sagen Danke. Das ist selbstverständlich geworden.”

Ein Ort, der mehr gibt als Kleidung
Was die Kleiderstube besonders macht, zeigt sich nicht nur beim Abholen, sondern auch beim Bringen. Viele Menschen aus der Region kommen regelmäßig mit Kleidung, Geschirr oder Vorhängen vorbei.
“Sie sagen oft: Danke, dass wir es bringen dürfen”, erzählt die 70-Jährige. Denn sie wissen, dass die Dinge direkt bei jemandem ankommen, der sie braucht.
Verkauft wird zu symbolischen Preisen. Ein Rucksack um drei Euro, Kleidung für wenige Euro – die Notwendigkeiten werden bewusst niedrig gehalten. Das eingenommene Geld wird vollständig gespendet, etwa an soziale Projekte im In- und Ausland. “Wir geben alles direkt weiter, ohne Umwege.”

Der Mittwoch hat Struktur
Der Alltag in der Kleiderstube folgt einer klaren Routine. Früh am Morgen treffen die ersten Helferinnen ein, dann wird Kaffee gemacht, sortiert und eingeräumt. Um neun Uhr öffnet die Kleiderstube für die Besucher, die meistens schon vor der Tür warten. Bis zum Nachmittag wird beraten, sortiert oder verkauft. Dazwischen gibt es Gespräche, Begegnungen, manchmal auch Herausforderungen. “Aber es läuft inzwischen sehr gut.”
Die pensionierte Religionslehrerin Waltraud Ammann ist Mutter und Großmutter von zehn Enkelkindern und investiert einen großen Teil ihrer Zeit im Ehrenamt. Sie wirkt dabei erfüllt und weiß: “Geben ist seliger als Nehmen.”