Platz in der Mitte der Gesellschaft

Buchpräsentation und Erinnerungsarbeit standen im Kulturzentrum Remise im Mittelpunkt.
Bludenz Das Kulturzentrum Remise in Bludenz war neulich Schauplatz des neunten Vorarlberger Zeitgeschichtetages. Im Rahmen des österreichischen Gedenktages gegen Gewalt und Rassismus erinnerte die Veranstaltung an die Opfer des Nationalsozialismus und stellte regionale Erinnerungsarbeit sowie persönliche Schicksale in den Mittelpunkt.

Victoria Kumar, Obfrau der Johann-August-Malin-Gesellschaft und Historikerin bei erinnern.at, sprach ihren großen Dank an den Geschichtsverein Region Bludenz, an das Stadtlabor Bludenz und alle Kooperationspartner für die Ausrichtung des Zeitgeschichtetages und das Begehen des Gedenktages aus. “Zwei Tage nach dem 5. Mai, der uns an die Befreiung des Konzentrationslagers in Mauthausen am 5. Mai 1945 erinnert, und am Vorabend des 8. Mai, dem Tag der Befreiung und des Kriegsendes.” Der 8. Mai sei ebenfalls ein wichtiger Gedenktag, der aber aus dem kollektiven Gedächtnis – zumindest in Österreich – weitgehend verschwunden sei. Victoria Kumar gab einen Einblick in die Erinnerungslandschaft in der Region Bludenz und stellte einige ausgewählte Erinnerungszeichen vor. Zu Beginn fragte sie sich, warum Erinnerungsorte 81 Jahre nach Kriegsende und Befreiung überhaupt noch relevant sind beziehungsweise welchen Sinn und Zweck Erinnerungszeichen erfüllen.

Wie die Erinnerung an sich, werde ihr Sinn und Zweck mehr als 80 Jahre nach dem Nationalsozialismus da und dort infrage gestellt. Auch in der Öffentlichkeit und an prominenten Orten wie dem Vorarlberger Landtag. Historikerinnen und Historiker würden sich ständig mit dem aktuellen Zustand der Erinnerungskultur auseinandersetzen. Im vergangenen Jahr seien sehr viele Publikationen zur Krise der Erinnerungskultur veröffentlicht worden; sie sei es wert, als Errungenschaft verteidigt zu werden, aber kritikwürdig, weil sie zur ritualisierten Selbstgefälligkeit verkommen sei, wie es in einem Befund heiße. Wie Victoria Kumar erzählte, befasse sie sich seit vielen Jahren im Rahmen des Projektes DERLA (Digitale Erinnerungslandschaft) bei erinnern.at mit Gedenkorten.

Verweise auf Verbrechen
In der Öffentlichkeit seien Gedenkorte sichtbare Verweise auf Verbrechen, die die Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten zu verantworten gehabt hätten. Sie zeigten, dass diese NS-Verbrechen nicht nur in großen Konzentrations- und Vernichtungslagern wie dem KZ Mauthausen oder dem Vernichtungslager Auschwitz stattgefunden haben, sondern auch hierzulande. Zudem würden sie zeigen, worauf sich Gesellschaften geeinigt haben, was sozusagen erinnerungswürdig ist und was nicht. Ganz wichtig sei, dass Erinnerungsorte den Opfern der NS-Gewaltherrschaft ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft zurückgeben; sie führen sie an die Orte zurück, an denen sie verfolgt und aus denen sie vertrieben wurden. Wesentlich sei aber, dass an diesen Orten ein lebendiges Erinnern auch abseits der Gedenktage stattfindet.

Am Zeitgeschichtetag wurde das Buch “Mich kriegt ihr nicht!” präsentiert, welches das Leben von Józef Wiśnicki nachzeichnet. Als Jude aus Polen entkam er mehrfach der NS-Verfolgung, unter anderem durch die Flucht aus einem Deportationszug nach Treblinka. Später überlebte er in Vorarlberg unter falscher Identität. Dominik Markl und Niko Hofinger haben seiner Geschichte und den Stationen nachgespürt. Nach der Buchvorstellung führten die beiden Herausgeber ein Gespräch mit dem Sohn von Józef Wiśnicki, Jeffrey. Unter den Anwesenden befand sich auch der Neffe von Józef, Jay. Das Buch “Mich kriegt ihr nicht!” ist im Buchhandel erhältlich. SCO



















