Die Spinnereien von Nenzing: Wie Getzner den Ort veränderte

Heimat / 22.05.2026 • 13:48 Uhr
Untere Fabrik Wirtschaftspark Walgau 2013. Foto Böhringer
Untere Fabrik Wirtschaftspark Walgau 2013. Böhringer

Mit der Oberen und Unteren Spinnerei entstand ein bedeutendes Industrieensemble im Land.

Nenzing Mit der Errichtung der Oberen Spinnerei im Jahr 1831 begann in Nenzing ein neues industrielles Zeitalter. Die Fabrik war der erste eigene Spinnereibetrieb von Getzner & Comp., später Getzner Mutter & Cie., und entstand auf einem Gelände am damaligen Dorfrand, wo sich zuvor eine Hammerschmiede und eine Kohlenhütte befunden hatten. Geplant wurde der viergeschossige Fabrikbau von Andreas Getzner gemeinsam mit dem Winterthurer Techniker Heinrich Ritter. Der Hochbau mit seinem markanten Mittelrisalit zählt zu den frühen Beispielen moderner Industriearchitektur im Land. Obwohl das Gebäude bereits 1831 fertiggestellt war, wurde die Produktion erst 1834 aufgenommen. Bis zur Errichtung der Lünersee-Fabrik in Bürs 1836 war in Nenzing zusätzlich eine Weberei untergebracht. Eine Besonderheit der Oberen Spinnerei war der direkt angebaute Wohn- und Verwaltungstrakt. Firmengründer Andreas Getzner lebte dort mit seiner Familie Tür an Tür mit Arbeitern und Maschinen. Ein weiterer technischer Blickfang war der 1907 errichtete Wasserturm für die Sprinkleranlage.

Obere Spinnerei 1925. Foto Gemeindarchiv Nenzing
Obere Spinnerei 1925. Gemeindearchiv Nenzing

Zweite Fabrik

Nach der Baumwollkrise und einem zeitweiligen Stillstand in den 1860er-Jahren erholte sich das Unternehmen rasch. Ab 1884 verfügte die Fabrik bereits über Gasbeleuchtung und Dampfheizung. Da die Obere Spinnerei den steigenden Bedarf nicht mehr decken konnte, entstand 1881 rund eineinhalb Kilometer bachabwärts die Untere Fabrik. Nach Plänen des Architekten Hilarius Knobel wurde ein schlossartiger Bau mit Ecktürmen und repräsentativer Eingangsfront errichtet. Gemeinsam genutzt wurden verschiedene Nebengebäude wie das Baumwolllager von 1877.

Otto Getzner in seiner Kneippanlage 1938. Foto Gemeindarchiv Nenzing
Otto Getzner in seiner Kneippanlage 1938. Gemeindearchiv Nenzing

Kneippen bei der Arbeit

Ab 1897 entstand das Mengbachwerk, ein eigenes Kraftwerk für die Fabriken. Maßgeblich daran beteiligt war Ferdinand Gassner, Gesellschafter des Unternehmens und Pionier der Wasserkraftnutzung. Gemeinsam mit dem Bludenzer Baumeister Ignaz Wolf plante er Wasserleitungen, Stollen und Kraftwerksanlagen. 1962 wurde die Produktion vollständig in die Untere Fabrik verlegt. In der Oberen Spinnerei entstanden provisorische Unterkünfte für Gastarbeiterinnen aus Griechenland sowie später aus Jugoslawien und der Türkei. Trotz Protesten und einer Bürgerinitiative wurde die Obere Spinnerei 1987 abgetragen – ein Verlust eines bedeutenden Denkmals der Frühindustrialisierung. Heute steht dort der heutige Gemeindesaal. Die Untere Fabrik blieb erhalten und wurde nach der Schließung des Textilstandorts 1983 zum heutigen Wirtschaftspark Walgau umgestaltet. Mit der Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Trentino entstanden Wohnheime und sogenannte Kosthäuser. Bemerkenswert war das Mädchenheim von 1908 mit Werksküche und Kneipp-Heilbädern. Der damalige Fabriksleiter, Otto Getzner, war ein überzeugter Anhänger der Kneipp-Bewegung. Bibliothek, Hausapotheke sowie Koch- und Nähkurse machten die Anlage zu einem außergewöhnlichen sozialen Zentrum der Arbeiterschaft. Bis heute erinnern einzelne Gebäude wie das Direktorenhaus, das Mädchenheim oder ehemalige Arbeiterhäuser an jene Zeit, in der die Textilindustrie Nenzing prägte. MEC

Obere Spinnerei mit Wasserturm und Wohnanbau um 1935. Foto R.Mähr
Obere Spinnerei mit Wasserturm und Wohnanbau um 1935. R. Mähr
Arbeiterwohnhaus und Mädchenheim 2013. Foto Böhringer
Arbeiterwohnhaus und Mädchenheim 2013. Böhringer
Arbeiterwohnhaus Winkel 8, 2013. Foto Böhringer
Arbeiterwohnhaus Winkel 8, 2013. Böhringer
Baumwolllager Hetzner 2013 Foto Böhringer
Baumwolllager Getzner 2013. Böhringer
Mädchenheim Nening 2013. Foto Böhringer
Mädchenheim Nenzing 2013. Foto Böhringer