Vom Bahnhof Brixen in die Rheinauhalle

Eine Höchster Familie erinnert sich, wie aus einer Auswanderung ein Familienfest wurde.
Höchst Als Kinder standen Albert und Liesl Spögler mit ihren Eltern und Geschwistern am Bahnhof Brixen. Was die beiden damals nicht wussten: Es war der letzte Blick auf die Südtiroler Heimat. “Ich mag mich noch gut an die Zeit erinnern, als wir von Brixen ausgewandert sind”, erzählt Albert heute, mit 91 Jahren. “Die Nachbarn haben sich von uns verabschiedet, und dann sind wir Richtung Vorarlberg gefahren.”

1942 verließen Alois und Maria Spögler mit ihren sieben Kindern – Mariedl, Luis, Franz, Paula, Resi, Liesl und Albert – ihren Hof “Tischl” in Brixen, ursprünglich stammten sie aus dem Sarntal. Aufgrund des Optionsvertrags zwischen Mussolini und Hitler mussten sich Südtiroler Familien damals entscheiden: Italien oder das Deutsche Reich. Die Familie Spögler entschied sich für die Auswanderung – zunächst für kurze Zeit nach Hittisau, dann in die Südtiroler Siedlung nach Hard. 1943 kaufte Alois mit der Ablöse aus Südtirol ein Bauernhaus mit großer Wiese in Höchst-Brugg. “Es war ein bisschen schwierig am Anfang, man konnte die Sprache fast nicht verstehen”, berichtet Albert von den ersten Monaten in Vorarlberg.

Vom Gartenfest zur Rheinauhalle
Von den sieben Kindern leben heute noch drei: Resi (1932) in Hard, Liesl (1933) in Höchst und Albert (1935) im Schweizer Wallis. Liesl und Albert sind es auch – als Letzte, die die Auswanderung selbst noch miterlebt haben –, die heuer beim siebten Sippenfest dabei waren. Das fand Mitte Juli in der Höchster Rheinauhalle statt. Gekommen waren über 140 Familienmitglieder.

Was 1989 mit “Muatt’rs” 90. Geburtstag begann – rund 80 Gäste feierten damals im Garten des Anwesens in Höchst-Brugg –, ist über sieben Feste zu einer eigenen Familientradition herangewachsen. 1999 kamen rund 100 Personen zum zweiten Fest, 2005 war mit dem dritten Fest bereits klar: “Es zeichnet sich eine Tradition ab.” 2010 wurde es dann zu groß für den privaten Rahmen: 130 Personen kamen, der Höchster Pfarrsaal wurde gemietet. 2015 waren es bereits 140 Gäste. Nach coronabedingter Verschiebung fand 2023 das sechste Fest mit erneut 140 Personen erstmals in der Rheinauhalle in Höchst statt. “Früher waren wir bei mir – weil es jetzt so viele sind, brauchen wir solche Räume”, bringt es Liesl auf den Punkt. Was sich am meisten verändert hat, sagen beide unisono: die schiere Größe. Was sich hingegen nicht verändert hat, ist die Freude am Wiedersehen. “Es ist einfach wunderbar, dass wieder mal die ganze Sippschaft zusammenkommt und wir sehen, was alles noch nachgekommen ist.”


Ein Grundstück als Familienzentrum
Besonders ist: Das 1943 gekaufte Grundstück in Höchst-Brugg ist bis heute Mittelpunkt der Familie geblieben. Tochter Paula baute einst an das ursprüngliche Bauernhaus an, Sohn Franz errichtete für seine Familie ein Einfamilienhaus. Mittlerweile haben fünf Enkelkinder von Alois und Maria ihre eigenen Häuser auf demselben Grund gebaut – die Familie ist sich bis heute räumlich nah geblieben und kommt auf dem Sippenfest regelmäßig zusammen. Das wird längst nicht mehr von der Gründergeneration organisiert. Heuer war erstmals die dritte Generation federführend. Nach Aperitif und Begrüßung wurde der aktuelle Stammbaum präsentiert, ein Sippenquiz führte durch Zahlen und Fakten der Familie. Nach dem Essen zeigten die einzelnen Familienzweige eigene Programmpunkte und sangen gemeinsam das Bozner Bergsteigerlied. Zum Abschied ging es nach dem gemeinsamen Aufräumen samt Zeremonie für die Abreisenden für alle wieder nach Hause. Bis zum nächsten Fest.
