Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Auch bei uns ist Zypern!

Kultur / 29.03.2013 • 19:34 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Ostertage könnten eine Art Symbol für das sein, was sich derzeit in Europa zuträgt. Zuerst der Palmsonntag, an dem Jesu unter dem Jubel der Bevölkerung in Jerusalem einzog, dann die Passion mit dem Höhepunkt des Kreuzestodes am Karfreitag, dem Tag des großen Leides und der unendlichen Trauer. Und schließlich die aufkeimende Hoffnung mit der Auferstehung an Ostern. Das Osterwunder als Gleichnis für Zypern und die EU? So ganz falsch ist das nicht. Denn auch auf dieser Insel herrschte lange Zeit Jubel über den schnell wachsenden Reichtum, über das zypriotische Bankenwunder mit hohen Zinsen, das Anleger aus aller Welt brachte.

Das alles ließ fast vergessen, dass die Insel seit 1974 geteilt ist, dass damals der Norden von der Türkei erobert wurde. In der Türkischen Republik Nordzypern, dem armen Teil der Insel, wurden Tausende Türken aus Anatolien (zwangs)angesiedelt. Die größere Republik Zypern des Südteils war der reiche Bruder, trat 2004 als hochwillkommenes Mitglied der EU bei. Doch dann, vor einigen Wochen, gab es auch hier die Passion, krachte es beim Bankenwesen immer mehr im Gebälk, bis man bei der EU um Stützung ansuchte. Das Ergebnis kennen wir. Nicht nur der Staat, nicht nur die Banken, sondern auch die Anleger hoher Beträge werden nun enteignet. Und man ist schon froh, dass es nicht mehr die kleinen Sparer trifft. Das ist die Osterhoffnung.

Nur: Die Hoffnung ist fehl am Platz. Den Zyprioten wird es genauso ergehen wie fast ganz Europa. Sie werden, so wie wir, eine kalte Enteignung ihrer Gelder erleben. Denn was ist das bei uns anderes, wenn wir auf Sparbücher ein halbes Prozent Zinsen, bei Einlagensicherung auf ein Jahr gerade einmal ein Prozent bekommen? Am Ende des Jahres haben wir dank der Inflation weniger als am Anfang. Nicht besser geht es den Arbeitenden, deren Löhne geringer steigen als die Inflation. Gleiches gilt für die Pensionen, die unter der Inflationsrate erhöht werden, gilt für die Pensionskassen, die ihren Mitgliedern inzwischen zwanzig bis dreißig Prozent weniger auszahlen als noch vor fünf Jahren.

Wir alle werden kalt enteignet. Und die Politiker schauen nicht nur zu, sondern sind sogar noch Handlanger der Banker, die auf der anderen Seite für ihre Institute Milliarden und für sich Millionen scheffeln. Kurz: Auch bei uns ist Zypern!

walter.fink@vn.vol.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.