Das Ende eines schönen Traums
Es war vor fast genau vierzig Jahren, am 11. September 1973, als in Chile der Traum von einem demokratischen Sozialismus mit Gewalt niedergeschlagen wurde. Wir waren damals jung, voller Ideale und politischer Überzeugungen, eine Generation, die natürlich eine bessere, für alle gerechtere Welt, die eine Verteilung der Güter für alle zum Ziel hatte.
So beobachteten wir gebannt die Entwicklung in Chile, die 1970 mit dem Wahlsieg von Salvador Allende und seiner „Unidad Popular“ begann. Wir hörten begeistert die Lieder von Viktor Jara, lasen die Gedichte des 1971 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichneten Pablo Neruda. Es war eine große Zeit für uns, in der auch der Anti-Amerikanismus, nicht zuletzt aufgrund des seit 1965 tobenden, fürchterlichen und gnadenlosen Vietnamkriegs, um sich griff. Die Welt wusste, dass die USA den Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Allende betrieben und ihre dunklen Kanäle in Chile zur Vorbereitung des Umsturzes genutzt hatten. Wie immer waren auch damals – wie heute – die wirtschaftlichen Überlegungen der Supermacht wichtiger als die demokratischen Rechte eines Volkes.
So kam es, wie es nach dem Willen Amerikas kommen musste: Am 11. September 1973 putschte General Augusto Pinochet und ergriff mit dem Militär die Macht. Salvador Allende entzog sich der Verhaftung durch Freitod. Unmittelbar danach begann eine Gewaltherrschaft unvorstellbaren Ausmaßes. Die Anhänger Allendes wurden verhaftet und im Nationalstadion von Santiago, das zu einem KZ umfunktioniert wurde, interniert, viele gefoltert und umgebracht. Unter ihnen war auch Viktor Jara, der selbst im Stadion noch Gitarre spielte und sang – bis seine Peiniger kamen und ihm die Hände brachen, damit er nicht mehr spielen konnte. Und dennoch sang er unter den anderen Gefangenen „Venceremos – wir werden siegen“, worauf er von den Schergen Pinochets erschossen wurde. Zwölf Tage nach dem Putsch wurde auch Pablo Neruda, der schon an tödlichem Krebs erkrankt war, mit einer Giftspritze umgebracht.
Augusto Pinochet blieb Diktator bis 1990, 2001 wurde gegen ihn Anklage wegen Menschenrechtsverletzungen erhoben, wegen Krankheit wurde der Prozess allerdings ausgesetzt. 2006 starb der chilenische Diktator. Unsere politischen Illusionen waren schon viel früher, mit dem Tod von Salvador Allende gestorben.
walter.fink@vn.vol.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
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