Vielschichtige Betrachtung

Landestheater bringt KZ-Überlebende mit einem Theaterstück in die Schulklassen.
Bregenz. „Ich habe vor Jahren einen Film über Juden gesehen, die in Amerika leben“, berichtet Dirk Diekmann, Chefdramaturg am Vorarlberger Landestheater, im Gespräch mit den VN, „ein KZ-Überlebender rief, wir sind die Letzten, fragt uns, das fuhr mir in die Knochen.“
Im Jüdischen Museum in Hohenems werden die Ereignisse hervorragend dokumentiert, so der Fachmann, da es in der Region aber kaum noch Personen gibt, die den Holocaust überlebt haben, hat er die Realisierung des Stücks „Das ist Esther“ schon länger im Sinn. Nun ist es so weit, die Geschichte von Esther Bauer kommt in die Vorarlberger Klassenzimmer. Bei den Proben habe sich gezeigt, dass die Schüler hervorragend, nämlich „hellwach und sehr interessiert“, darauf reagieren.
Esther Bauer war 18, als sie 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde. Die gebürtige Hamburgerin überlebte den Terror und wanderte in die USA aus. Ihr Vater, Alberto Jonas, war Leiter der jüdischen Töchterschule. Er wurde ebenfalls deportiert, zur Schwerarbeit verpflichtet und starb völlig entkräftet nach wenigen Wochen. Esther Bauer verliebte sich in Theresienstadt in einen tschechischen Koch und heiratete ihn. Um ihm zu folgen, kam sie nach Auschwitz und später nach Freiberg. Sie musste Zwangsarbeit leisten und sah ihren ersten Mann nie wieder. Befreit wurde sie im KZ Mauthausen. Seit 1946 lebt Esther Bauer in den USA.
Würde bewahren
Als junges Mädchen hätte sie einst mit einem Flüchtlingstransport nach England der Verfolgung entkommen können, weiß Dirk Diekmann. Ihr Vater, ein Mann mit hohen moralischen Ansprüchen, war der Meinung, dass dieser einzige übrige Platz aber nicht einem bedrohten Mitmenschen weggenommen werden soll. Nach Jahren aus Amerika zurückgekehrt, hat Esther Bauer in deutschen Schulen von ihrem Schicksal erzählt, von den Menschen, vom Terror, von denen, die halfen, und von der Art, wie man versuchte, die Würde zu bewahren. Sie ist der Autorin Christiane Richers begegnet, die ein Stück verfasste, in das Film-Aufnahmen von Schulbesuchen Bauers eingebaut sind, während ein junges Mädchen von seiner Oma erzählt. In diesem Stück bleibt die vielschichte Betrachtung, die Bauers Referate auszeichnen, bewahrt. Tobias Materna hat das Stück für das Vorarlberger Landestheater inszeniert. Er lebte als Jugendlicher zwei Jahre in Israel und hat dort selbst die Begegnung mit KZ-Überlebenden gesucht.
Das Stück ist ja nicht fiktiv. Wir haben festgestellt, dass die jungen Menschen sehr gut darauf reagieren.
Dirk Diekmann
„Das ist Esther“ hat am 24. 1. in der HAK in Bregenz Premiere. Eine öffentliche Aufführung gibt es um 18 Uhr im Kleinen Haus am Kornmarkt.