Neuer Blick auf die Geschichte
Unsere Landesgeschichtsschreibung – zumindest jene der letzten fünfzig Jahre – war vor allem von Ideologien geprägt. Da war einmal Benedikt Bilgeri, von dem die große, fünfbändige „Geschichte Vorarlbergs“ stammt. Ein Mammutwerk, das trotz des allgemeinen Zugeständnisses einer erstaunlichen Materialsammlung höchst umstritten war. Wurde Bilgeri doch vorgeworfen, dass er ein Werk im Sinne des Landes, vor allem des damaligen Landesamtsdirektors Elmar Grabherr, geschrieben habe. Beim Land habe man, wie Meinrad Pichler in einer Rezension 1987 schrieb, gehofft, dass diese Landesgeschichte „den unwiderlegbaren historischen Nachweis für die seit grauer Vorzeit bestehende ‚Identität‘ Vorarlbergs und das ungebrochene Freiheitsstreben seiner Bewohner liefern würde“ . Diese Hoffnung wurde wohl auch deshalb enttäuscht, weil der frühere Direktor des Landesarchivs, Karl-Heinz Burmeister, eine eigene, kurz gefasste, auch inhaltlich anders geartete Landesgeschichte schrieb. Ergebnis war ein veritabler Historikerstreit, der auch über die Medien und in Aktionskomitees ausgetragen wurde.
Solche Auseinandersetzungen dürften der neuen „Geschichte Vorarlbergs“, geschrieben vom Direktor des Landesarchivs, Alois Niederstätter, erspart bleiben. Einmal, weil Niederstätter ein ausgewiesener Kenner der Landesgeschichte ist, zum anderen, weil ihm jede Art der historischen Parteinahme fremd ist, und drittens, weil es im Landhaus niemanden mehr gibt, der eine Geschichtsschreibung für die „Identität Vorarlbergs“ einfordert – was sich Niederstätter ohnehin verbeten hätte. Der erste Band, erschienen im Universitätsverlag Wagner in Innsbruck, „Vorarlberg im Mittelalter“, behandelt den Zeitraum bis Anfang des 16. Jahrhunderts, ein nächster Band, ebenfalls von Niederstätter, wird der Zeit bis zum 19. Jahrhundert gewidmet sein, schließlich steuert Meinrad Pichler den abschließenden dritten Band mit der Untersuchung der neueren und neuesten Geschichte bei.
Es wird notwendig sein, noch genauer auf diesen ersten Band einzugehen, auch einzelne Themen herauszugreifen. Vorerst aber sei festgehalten, dass es – gerade nach der Jahrzehnte währenden Auseinandersetzung um die Landesgeschichte – wohl tut, nun eine Ausgabe in Händen zu halten, die nach dem Gebot der historischen Objektivität geschrieben wurde.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
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