Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Mehr Güterzüge am See?

Kultur / 04.04.2014 • 23:05 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Genossenschaft „mehramsee“ malt ein Horrorszenario in die blauen Wellen des Bodensees, das wie ein Damoklesschwert über dem Bregenzer Seeufer hängt. Auf der Homepage heißt es: „Dank der europaweiten Liberalisierung des Güterverkehrs müssen weder die ÖBB noch Stadt und Land um Erlaubnis gefragt werden, wenn künftig 450 m lange Güterzüge Tag und Nacht durch Wohn- und Erholungsraum am Bodensee donnern.“ 70 solcher Güterzüge sollten das täglich werden. Wenn dem so wäre, dann müsste man ja wirklich flotten Schrittes zur Unterschriftenleistung für „mehramsee“ schreiten, um mit ihnen gemeinsam für eine Untertunnelung der Eisenbahn zu kämpfen.

Die Erklärungen von „mehramsee“ waren mir allerdings nicht ausreichend, ich erlaubte mir deshalb Nachfrage bei den betroffenen Bundesbahnen, den ÖBB und den SBB. René Zumtobel, Pressesprecher der ÖBB, meinte, dass die Bahnstrecke von Bregenz nach Lindau derzeit von zwei Güterzügen pro Tag befahren werde. Und weiter: „Unsere Prognosen sehen bis 2040 eine maximale Anzahl von zehn Güterzügen auf dieser Strecke vor. Bregenz-Lindau ist und bleibt also eine vorwiegend für den Nahverkehr sowie für die Fernverkehrszüge Zürich-München relevante Bahnverbindung.“ Noch deutlicher war der Konzernsprecher der Schweizerischen Bundesbahnen, Christian Ginsig. Die wesentliche Bahnstrecke im Güterverkehr in der Schweiz sei die NEAT (Neue Eisenbahn Alpen Transversale), die zwei Alpentunnel umfasse, nämlich den seit 2007 bestehenden Lötschbergtunnel und den Gotthard-Basistunnel, der 2016 in Betrieb gehen werde. Der Lötschbergtunnel bediene den Korridor Basel-Bern-Domodossola/Italien, der Gotthard den Korridor Basel-Chiasso/Luino in Italien. Ginsig weiter: „Unsere Experten gehen davon aus, dass die Verkehre in Zukunft auf der Strecke Bregenz nur sehr leicht zunehmen – und das nur im Ausbau von lokalem Verkehr, sicher aber nicht als NEAT-Zubringer. Die NEAT-Verkehre werden über Basel mit dem Ausbau der Strecke Karlsruhe–Basel laufen. Und das alles im Zusammenhang mit dem Ausbau des Güterkorridors Rotterdam–Genua.“

Wenn man jetzt davon ausgeht, dass die beiden Verantwortlichen von ÖBB und SBB keine Lügner sind, dann ist kein oben beschriebenes Horrorszenario in Bregenz zu erwarten. Das scheint mir wichtig zur Klarstellung der Positionen bei weiteren Diskussionen mit „mehramsee“.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
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