Entscheidung in Hohenems
Bald einmal ist es ein Vierteljahrhundert her, dass in Hohenems das Jüdische Museum eröffnet wurde. Es bedurfte langer Vorbereitungen, heftiger und schwieriger politischer Diskussionen und steter Überzeugungsarbeit, bis die Villa Heimann-Rosenthal ihre Pforten als Museum öffnen konnte. Heute ist das Museum und auch die jüdische Vergangenheit in Hohenems für die meisten kein Thema mehr, im Gegenteil, ein Großteil ist stolz auf diese Vergangenheit und auf dieses Haus, das Hohenems international bekannt gemacht hat. Manchmal aber kommen die alten, überholt geglaubten Diskussionen wieder auf, vor allem dann, wenn es politische Äußerungen gibt, die schlichtweg antisemitischem Gedankengut zuzuordnen sind.
In solchen Situationen aber stehen auch immer wieder Menschen auf, die sich vor das Museum stellen und auch vor jene Menschen, die das Museum leiten. Einer von ihnen ist der Dichter Michael Köhlmeier, der immer dann, wenn es das Museum und seine Vertreter zu verteidigen gilt, ganz vorne steht. Am vergangenen Montag gab Köhlmeier unter dem Titel „Mein Hohenems“ eines seiner raren Konzerte im Land, und der Löwensaal platzte buchstäblich aus allen Nähten. Es war kein politisches Statement angekündigt, sondern einfach ein Konzert. Und doch wusste jeder, dass es – so kurz vor der Stichwahl – Positionen von Köhlmeier bringen würde. Er spielte viele seiner alten Songs, wunderbar begleitet von Drazen Gvozdenovic auf der Handorgel. Schon oft habe ich Köhlmeier auf der Bühne gesehen, noch nie aber hat er so über sein Leben in dieser Stadt, seine Sehnsüchte und seine Schmerzen gesungen und gesprochen wie an diesem Abend. Es war eine schlichtweg großartige Liebeserklärung an Hohenems.
Michael Köhlmeier hat nicht den Fehler begangen, mit billigem Aktionismus seine Haltung zu den bevorstehenden Wahlen von der Bühne zu predigen. Nein, es waren feine Äußerungen, aus denen man entnehmen konnte, wo er steht. Er betonte seine Freundschaft und Wertschätzung zu Hanno Loewy, dem Direktor des Jüdischen Museums, und auch seine Bereitschaft, für diese Freundschaft auf die Barrikaden zu gehen. Und auch sein Unverständnis, dass jemand, der diese Person und dieses Haus mehrfach beleidigt hat, nun der oberste Vertreter von Hohenems werden könnte. Es war ein stiller, ein künstlerischer Protest – aber alle Besucher verstanden ihn.
Michael Köhlmeier hat nicht den Fehler begangen, mit billigem Aktionismus seine Haltung zu den bevorstehenden Wahlen von der Bühne zu predigen.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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