Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

London hart im Akropolis-Streit

Kultur / 10.04.2015 • 20:28 Uhr

Griechenland hat derzeit heftige Gefechte mit seinen europäischen Verbündeten auszutragen. Da geht ein seit Jahrzehnten währender Konflikt um ein paar Skulpturen leicht unter. Auch wenn es sich um die berühmten „Elgin-Marbles“ handelt, jene Marmorfiguren vom Parthenon also, die der britische Botschafter im Osmanischen Reich 1801 mit nach London nahm. Heute sind die Stücke, die zu den bedeutendsten Skulpturen der Kunstgeschichte gehören, im British Museum in London ausgestellt. Und seit bald 200 Jahren ist der Ruf nach Rückführung der Kunstwerke an ihren ursprünglichen Platz, für den sie geschaffen wurden, nicht mehr verstummt. Standhaft aber weigert sich das British Museum mit dem Hinweis, dass die Skulpturen rechtmäßig erworben worden seien.

Ganz falsch ist das nicht. Denn Lord Elgin, der damalige britische Botschafter im Osmanischen Reich, zu dem auch das besetzte Griechenland gehörte, erhielt vom Sultan – den die Tempel und ihre künstlerische Ausgestaltung herzlich wenig interessierten – die Genehmigung, die Tempel und Skulpturen auf der Akropolis zu vermessen, zu kopieren und auch einzelne Stücke mit nach London zu nehmen. Lord Elgin legte das ziemlich weit aus, brach Skulpturen und Reliefs aus dem Parthenon, dem größten Tempel auf der Akropolis, heraus, nahm sie mit nach England und verkaufte sie 1818 an das British Museum. Schon kurz nach dem „Raub“, Anfang des 19. Jahrhunderts, empörte sich eine internationale kulturelle Öffentlichkeit über die Dreistigkeit von Lord Elgin, und seit damals ist die Forderung nach Rückgabe der großartigen Stücke an Griechenland nicht verstummt.

Einen Höhepunkt erreichten diese Rückgabeforderungen unter der früheren griechischen Kulturministerin Melina Mercouri in den Achtzigerjahren, im vergangenen Jahr machte sich auch Hollywoodstar George Clooney in einer Pressekonferenz in London dafür stark. Alles vergeblich. Ebenso die neueste Forderung der Griechen, dass die UNESCO in diesem Streit vermitteln solle. Das British Museum und die britische Regierung blieben auf dem Standpunkt, dass die „Elgin-Marbles“ rechtmäßig in London seien. Dort seien sie, so meint man in London, auch besser aufgehoben als in Athen. Trotz des neuen, großartigen Akropolis-Museums, in dem eigens ein Platz für diese Kunstwerke freigehalten wurde. Dieser Platz wird wohl noch länger frei bleiben.

Einen Höhepunkt erreichten diese Rückgabe­forderungen unter der früheren griechischen Kulturministerin Melina Mercouri.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.