Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Scheiterhaufen und Minnelied

Kultur / 03.07.2015 • 20:22 Uhr

Vor fast genau 600 Jahren, am 6. Juli 1415, wurde in Konstanz der tschechische Reformator Jan Hus öffentlich am Scheiterhaufen verbrannt. Und das, obwohl der große Priester und Gelehrte, der auch Rektor der Universität Prag war, mit einem Geleitbrief von König Sigismund ausgestattet war, der ihm freies Geleit zusicherte. Hus war unter diesen Voraussetzungen zum Konzil zu Konstanz gekommen, um hier seine theologischen Thesen in einer öffentlichen Diskussion verteidigen zu können.

Hus hatte Aufsehen erregt, indem er geradezu leidenschaftlich das lasterhafte Leben des Klerus und die Korruption innerhalb der Kirche anprangerte. Es kam nicht zur Diskussion, Hus wurde – geradzu hinterlistig – gefangengenommen, im Dominikanerkloster (dem heutigen Inselhotel) eingesperrt, zum Tod verurteilt und nahe der Stelle, wo heute der Hussenstein ist, verbrannt.

Auch seinen Mitstreiter, den Gelehrten Hieronymus von Prag, der Hus zur Hilfe kommen wollte, ereilte ein Jahr später das gleiche Schicksal. Allerdings: Das Problem war damit für die Kirche nicht „erledigt“ – die Übergriffe auf Hus und Hieronymus wurden zu Auslösern der zwanzig Jahre währenden, blutigen Hussitenkriege.

Besser ging es dem Südtiroler Minnesänger Oswald von Wolkenstein, der ebenfalls vor 600 Jahren, im Frühjahr 1615, im Gefolge von Herzog Friedrich IV. von Tirol zum Konstanzer Konzil kam. „O wonnigliches Paradies / zu Costentz hab ich gefunden dich!“ schreibt Oswald in einem Gedicht. Der große Minnesänger, gleichermaßen Dichter wie Musiker, stand mit seiner Dichtung an der Wende vom Mittelalter zur neuen Literatur.

Er war, wenn man so will, der erste „moderne“ Dichter, der die Minne nicht nur als erhabenes Schwärmen für die unerreichbare Frau, sondern konkret für die Geliebte sah: „Viel zarte, engelhafte Weib, / durchleuchtend schön, / mit lichtem Glanz, / besessen haben meinem Leib, /dort in der Katzen bei dem Tanz, / die ich ja nicht vergessen will.“

Im Konstanz der damaligen Zeit, als zum großen Treffen der Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Priester auch weit mehr als tausend „Hübschlerinnen“ in die Bodenseestadt kamen, dürfte Oswald nicht unter Frauenmangel gelitten haben. Und er zögerte auch nicht, das in seinen Gedichten handfest zu beschreiben. Oswald von Wolkenstein und Jan Hus sind in diesem Jahr in Konstanz besondere Erinnerungen gewidmet.

Hus hatte Aufsehen erregt, indem er geradezu leidenschaftlich das lasterhafte Leben des Klerus anprangerte.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.