Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Bildung: Land gegen Bund

Kultur / 27.11.2015 • 22:06 Uhr

Das zeitliche Zusammentreffen ist zufällig, aber nicht ohne Brisanz: Wenige Tage, nachdem die Bundesregierung ihre Bildungsreform präsentiert hatte, wurde von der OECD der Bildungsbericht vorgestellt, in dem die Bildungsstandards der Mitgliedsländer verglichen werden. Er fiel für Österreich nicht gerade günstig aus. Vereinfacht gesagt wird hierzulande zwar vergleichsweise viel für Bildung ausgegeben, ohne aber den dafür erwünschten Effekt zu erzielen. Vor allem wird die Durchlässigkeit des Bildungssystems kritisiert, womit gemeint ist, dass die meisten Kinder nicht über den Bildungsgrad ihrer Eltern hinauskommen.

Das ist die Sicht von außen – die auch von innen bestätigt wird. Denn die von der Bundesregierung vorgelegte Bildungsreform scheint nicht tauglich, dieses Problem zu lösen.

Einer der Kernpunkte dieser Reform untersagt nämlich den Bundesländern eine flächendeckende Modellregion für eine Gesamtschule. Und das, obwohl der Vorarlberger Landtag mit den Stimmen aller Parteien beschlossen hat, diese einzuführen. Ohnehin nur in einem langsamen Verfahren von rund zehn Jahren. Vorarlberg hat sich damit – neben Wien – als das bildungspolitisch fortschrittlichste Bundesland in Österreich erwiesen. Durchaus mit Hintergrund: Im Frühling dieses Jahres wurden fast 20.000 Lehrer, Eltern und Schüler im Land befragt, wie es mit der Schule weitergehen soll. Am Ende stand der Beschluss, die Gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-jährigen umzusetzen.

Das rief – fast möchte man sagen: logischerweise – die Retter des Abendlandes, die Kämpfer für die Langform des Gymnasiums auf den Plan. Vor allem in der Bundes-ÖVP machten sich einflussreiche Politiker, vornehmlich aus Niederösterreich, dafür stark. Mit dem Ergebnis, dass die Bildungsreform in diesem Punkt wieder ein fauler Kompromiss wurde. Nur 15 Prozent der Schulen eines Bundeslandes sollen demnach die Gesamtschule in einer Modellregion testen dürfen. Dem aber steht der Vorarlberger Landtagsbeschluss für die flächendeckende Gesamtschule entgegen.

Jetzt also wird’s spannend: Wird sich Vorarlberg mit dem eigenen Weg behaupten? Auch in der ÖVP? Oder war der eigene Mut doch zu groß und man fügt sich nun in die Entscheidung des Bundes. Im Sinne unserer Kinder sollte man den heimischen Politikern Mut machen. Denn in dieser Frage wäre der Kampf gegen den Bund wirklich sinnvoll.

Vorarlberg hat sich – neben Wien – als das bildungspolitisch fortschrittlichste Bundesland in Österreich erwiesen.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.