Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Der Streit im Paradies

Kultur / 30.09.2016 • 19:21 Uhr

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war es Kaplan Hugo Kleinbrod, der sich für „gesundheitlich gefährdete Kinder“ einsetzte und im Vorsäß Schönenbach, einem der schönsten Flecken Vorarlbergs, Ferienlager durchführte. Das war der Ursprung zur Gründung des Vorarlberger Kinderdorfs, in dem vor allem Waisenkinder und vernachlässigte Kinder in einem betreuten Heim unterkommen sollten. Schönenbach blieb weiter Ferienlager, bald aber mit zwei eigenen Hütten, eine mit Küche und Speisesaal, eine mit Schlafräumen. Der Baugrund wurde dem Kinderdorf vom Vorsäß Schönenbach geschenkt, allerdings brachte das Kinderdorf auch Eigenleistung zur Verbauung des Flusses, der immer wieder über die Ufer getreten war.

 

Das Lager ist in die Jahre gekommen, die Hütten entsprechen nicht mehr heutigen Anforderungen. Und so will das Kinderdorf eine Hütte durch einen Neubau ersetzen. In den Plänen von Architekt Ralph Broger, der sich im äußeren Erscheinungsbild an die Wälderhäuser von Schönenbach gehalten hat, scheinen Schlafplätze für maximal dreißig Leute, ein Speisesaal, eine kleine Küche und verschiedene Nutzräume auf. In einem Raum im ersten Stock steht im Plan „Seminarraum“.

Und daran erhitzen sich nun die Geister. Die Bauern von Schönenbach fürchten, dass hier ein „Seminarhotel“ (der neue Bau wird einen Meter höher als der bisherige) errichtet wird, und, nachdem auch eine Heizung eingebaut wird, dass es zu einem Ganzjahresbetrieb kommt. Und das wollen sie ganz einfach nicht. „Wir haben den Grund vor 70 Jahren verschenkt, weil wir den sozialen Zweck, ein Sommerlager für Buben, gesehen haben. Das scheint uns nun aber nicht mehr gegeben.“ So der langjährige Obmann der Genossenschaft, Gottfried Greber.

Der Geschäftsführer des Vorarlberger Kinderdorfs, Christoph Hackspiel, sieht sich missverstanden: „Wir wollen lediglich ein Haus, in dem die Kinder nach heutigem Standard untergebracht werden können. Wir wollen kein Seminarhaus, das wir personell gar nicht schaffen würden, wir wollen dort bestenfalls einmal eine interne Sitzung machen.“

 

Beide Argumente leuchten ein – und trotzdem herrscht Missstimmung in Schönenbach. Es sollte doch, so meint man, möglich sein, dass beide Parteien zusammensitzen, ihre Vorstellungen auf den Tisch legen und dann zu einer Einigung kommen. Schönenbach ist ein so unglaublich schöner, friedvoller Ort, dass man hier dem Streit ein Ende setzen sollte.

Es sollte doch möglich sein, dass beide Parteien zusammensitzen und ihre Vorstellungen auf den Tisch legen.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.