Zwei Bibeln mit einem Sinn
Manche hatten darauf gehofft, dass die Ökumene irgendwann so weit fortgeschritten sei, dass sich die Evangelische und die Katholische Kirche zu einer einheitlichen Bibelübersetzung entschließen könnten. Es wird für einige Zeit beim „irgendwann“ bleiben, denn seit Kurzem gibt es zwei neue Übersetzungen. Einmal die „neue Einheitsübersetzung“ (EÜ) des Katholischen Bibelwerks, dann auch die zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation neu übersetzte Luther-Bibel der Deutschen Bibelgesellschaft.
Schon der erste Satz bringt einen kleinen Unterschied, der irgendwie bezeichnend für das Gesamte ist. „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde“ heißt es in der Einheitsübersetzung, „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ in der Luther-Bibel. Es geht also um den Unterschied von einem Buchstaben bei „Im“ und Am“ und noch um eine Silbe bei „erschuf“ und „schuf“. Interessant, dass die berühmte katholische Jerusalemer Bibel aus dem Jahre 1985 einen Mittelweg geht: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Wir sehen schon am ersten Satz: Die Unterschiede zwischen den neuen Übersetzungen liegen im Detail, nicht in konfessionellen Streitigkeiten. Und das sehen auch Wissenschaftler, die Vergleiche angestellt haben, so.
Auf Weihnachten bezogen hält man sich an das zweite Kapitel des Lukas-Evangeliums. „Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.“ So heißt es in der katholischen Version, während die Luther-Bibel schreibt: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“ Josef wollte sich „eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete“ (EÜ), bei Luther heißt es, „auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger“. Und dann die Botschaft, auf die sich unser heutiges Fest gründet, in der katholischen Version: „Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ In der Luther-Bibel heißt es: „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Anhand solcher (und auch anderer) Beispiele fragt man sich doch, warum sich die Kirchen nicht zu einer gemeinsamen, einer ökumenischen Lösung entschließen konnten.
Die Unterschiede zwischen den neuen Übersetzungen liegen im Detail, nicht in konfessionellen Streitigkeiten.
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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