Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Ein wichtiger Teil des Landes

Kultur / 19.05.2017 • 19:25 Uhr

Als ich noch zur Schule ging, da war das mit der Religion ganz einfach: Man war katholisch. Und dann gab es noch einige wenige, die waren evangelisch. Meist wurden sie von uns, den Katholischen, beneidet, denn oft kamen sie aus wohlhabenden Familien, ihre Väter waren Unternehmer und Industrielle. Beneidet wurden sie auch, weil sie während der Religionsstunde eine Freistunde hatten und dazu noch einen Feiertag mehr, nämlich den Karfreitag. Die Dinge haben sich geändert. Katholisch sind nicht mehr so viele wie früher, nicht einmal auf dem Papier, evangelisch aber auch nicht. Beide Konfessionen kämpfen mit Abgängen.

Die Evangelischen könnten nun aber mehr Aufmerksamkeit bekommen, denn vor 500 Jahren hat Martin Luther seine 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen und damit nicht nur eine neue Bewegung, die Reformation, begründet, sondern auch ein politisches Erdbeben, nämlich die Bauernaufstände von 1525, ausgelöst und so ganz nebenbei eine Revolution der deutschen Sprache bewirkt. 1521 begann er, die Bibel neu ins Deutsche zu übersetzen, zuerst das Neue Testament, in den nächsten Jahren auch das Alte. Es entstand die berühmte Lutherbibel. Durch die Erfindung des Buchdrucks von Johannes Gutenberg konnte die Bibel erstmals unters Volk gebracht werden. So wurde Luther mit seiner Sprache bestimmend für die gesamte Entwicklung der deutschen Sprache.

In Vorarlberg werden die großen historischen Ereignisse der Reformation auf die regionale Ebene gebracht. Denn viele „Lutherische“, wie man die Protestanten nannte, waren für die Geschichte dieses Landes bedeutsam. Die evangelischen Pfarrgemeinden und das Vorarlberg Museum stellen 19 Persönlichkeiten in den Mittelpunkt von Ausstellungen und Veranstaltungen. Dass dazu auch die katholische Kirche ihren Beitrag leistet, ist einer erfreulichen ökumenischen Haltung zuzuschreiben.

Das war nicht immer so. Einer der bei uns besonders verehrten Heiligen, Karl Borromäus, Stadtpatron von Hohenems, tat sich Ende des 16. Jahrhunderts vor allem dadurch hervor, dass er bei Besuchen in Graubünden die Protestanten geradezu ausrottete. Nach einer Visitation in Misox ließ er zehn Frauen und einen Mann verbrennen, im benachbarten Calancatal blieb nach seiner Visitation von 50 protestantischen Familien keine mehr übrig. Umso wichtiger ist es, sich der großen Leistungen protestantischer Mitbürger bei uns zu erinnern. Dazu ist jetzt die Möglichkeit.

Umso wichtiger ist es, sich der großen Leistungen protestantischer Mitbürger bei uns zu erinnern.

walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.