Statt Industrie nun Kultur
Eine Region, die im Westen an Frankreich, im Norden ans Piemont, im Osten an die Emilia-Romagna und die Toskana und schließlich im Süden an das Mittelmeer grenzt, eine solche Region muss fast großartig sein. Und das ist Ligurien, denn um diese kleine Region, genau: die drittkleinste Region in Italien, handelt es sich. Wieder einmal waren wir vor einigen Tagen in diesem unglaublich schönen Landstrich, der durch vieles besticht, was uns an Italien so erfreut: Durch besonderen, lokalen Wein, den man kaum außerhalb der Region bekommt, durch das beste Olivenöl Italiens, durch besondere Teigwaren, die Trófie, dann auch noch durch das berühmte „Pesto alla genovese“, womit auch auf die Hauptstadt Genua hingewiesen ist.
Wie andere norditalienische Städte, etwa Venedig, war auch Genua im Mittelalter über Jahrhunderte eine eigene Republik, erst seit 1861 ist es Teil des damals neu gegründeten Königreichs Italien. Genua war eine bedeutende Seemacht, galt dank des früh entwickelten Bankwesens über lange Zeit als reichste Stadt Europas. Die alten Prachtstraßen der Stadt mit den großartigen Palästen, seit 2006 Unesco-Welterbe, erinnern noch an diese große Zeit. Doch damit ist es lange vorbei, auch der Hafen hat längst die einstige Bedeutung verloren, Teile des alten Hafens vergammelten immer mehr, bis fast nur mehr Industrieruinen übrig waren.
Die entscheidende Wende brachte das Jahr 1992, als an die Entdeckung Amerikas durch den großen Sohn der Stadt, Christoph Columbus, erinnert wurde. Da besannen sich die Genueser wieder des verödeten Hafens, planten mit ihrem Architektenstar Renzo Piano den ganzen Hafenbereich neu und wurden dann, 2004, Kulturhauptstadt Europas, was einen weiteren, entscheidenden Schub in der Entwicklung der Stadt brachte.
Das ließ mich an unsere Städte denken, die sich möglicherweise um diesen Titel bewerben wollen. Genua zeigt, dass so etwas Sinn machen kann. Aber nur dann, wenn hinter der Bewerbung eine große Idee zur Entwicklung einer Stadt steht. Eine Idee, die bisher in Vorarlberg noch nicht erkennbar ist. Dabei böte beispielsweise die zum Parkplatz verödete Seestadt in Bregenz ein solches Entwicklungspotenzial. Man müsste es nur erkennen und dürfte sie nicht mit ebenso öden Geschäften, wie man sie überall haben kann, sondern mit neuem öffentlichen Leben füllen. Doch darüber scheint bisher niemand nachzudenken.
Man dürfte es nur nicht mit öden Geschäften, wie man sie überall haben kann, sondern mit neuem öffentlichem Leben füllen.
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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