Theater Karussell übertrifft sich lust- und liebevoll beinahe selbst

Kultur / 29.03.2019 • 09:30 Uhr
Hanno Dreher und Heidi Salmhofer in "Die Wahrheit". Theater Karussell
Hanno Dreher und Heidi Salmhofer in “Die Wahrheit”. Theater Karussell

“Die Wahrheit” heißt es in Liechtenstein.

Schaan Alles, was man sagt, sollte wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, sollte man auch sagen. Dieser Ratschlag von Voltaire wurde gerne auch auf das Zwischenmenschliche bezogen. Damit die Leidenschaft nicht Leiden schafft, lautet das banal ausgedrückte Credo jener, die ohnehin meist kurzlebige Affären nicht offenbaren. Aus der Tatsache, dass sich viele Menschen mit der Monogamie schwer tun, haben zahlreiche Bühnen- sowie Buchautoren und Filmschaffende Nahrung geschöpft. „Betrogen“ heißt es seit Langem beim berühmten Briten Harold Pinter, der zudem den beruflichen Erfolg mit dem Funktionieren oder Scheitern einer Partnerschaft verknüpft, „Die Wahrheit“ heißt es erst seit einigen Jahren beim Franzosen Florian Zeller. Dass das Thema auch in unzähligen, billigeren Komödien auftaucht, ist bekannt, wer Zellers Dialoge nicht sehr genau nimmt, läuft Gefahr, in das Genre abzudriften, in das „Die Wahrheit“ nicht gehört.

Umso beeindruckender ist es, dass einem Ensemble, das nicht nur aus ausgewiesenen Profis besteht, eine Gratwanderung gelingt, die ihresgleichen sucht.  Das in Liechtenstein angesiedelte Theater Karussell, in dem seit seiner Gründung auch Kräfte (Amateure wie beruflich als solche aktive Schauspieler und Regisseure) aus Vorarlberg tätig sind, hat sich beinahe selbst übertroffen. Bei allem Humor, der immer wieder um sich greifen durfte, erwies man sich in den letzten Jahren als mutig auf das Harte und Anspruchsvolle abonniert und geht diesen Zeller, der auf Kleinbühnen in Deutschland oder jenseits des Arlbergs in Österreich rauf- und runtergespielt wird, mit großer Akribie an.

Mit Offenbachs Barcarole

Freilich führt mit Andreas Jähnert, den man vom Vorarlberger Aktionstheater und dem eigenen Ensemble Sprachfehler kennt, ein Künstler Regie, der nicht nur einen Blick für das Ungesagte hat, und diesen auch in einem dichten Konversationsstück zum Ausdruck bringt, er führt als sein eigener Bühnenbildner auch eine Ebene der Annahme ein. Darauf, dass diese im Spiel um das Vertuschen von Affären im Rahmen von zwei miteinander befreundeten Ehepaaren nicht verwirrend, sondern inspirierend wirkt, kann er sich bei einem Schauspieler wie Hanno Dreher verlassen. Als Verführer und Verletzter, souverän Toleranter, aber doch wieder kleiner Macho spielt dieser keine platten Trumpfkarten aus, sondern bringt die ungemein feinsinnige Psychologie, die in diesem Stück steckt, zur Wirkung. Heidi Salmhofer zieht schön mit und Ula Lazauskaite und Thomas Hassler nehmen den ruhigen Ton, der so schnell zu einem Lauten geraten könnte, sehr gut auf. Man amüsiert sich und nimmt viel mit von dieser Aufführung, mit der Voltaire recht gegeben wird oder eben nicht. Mit Bildern, mit denen man die Liebesszenen wunderbar feinsinnig umgesetzt hat, und mit den Klängen der Barcarole aus Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ im Ohr wird einem erneut bewusst, dass wir die Qualität des Zusammenlebens selbst zu gestalten haben. Am besten verantwortungsvoll und im Bewusstsein, dass die Tatsache, dass sich diese Herausforderung uns überhaupt stellt, an sich ein Geschenk ist. 

Weitere Aufführungen am 31. März, 17 Uhr, 3. und 10. April, 20 Uhr und 7. April, 17 Uhr, im Takino in Schaan: www.karussell.li