Kunstmuseum Ravensburg präsentiert Ernst-Ludwig-Kirchner-Ausstellung

08.04.2019 • 19:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Werk „Sertigtal im Herbst“ (1925/26) von Ernst Ludwig Kirchner kommt aus dem Kirchner-Museum in Davos. VN/CD

Kunstmuseum Ravensburg präsentiert Ernst-Ludwig-Kirchner-Ausstellung mit hohem erzählerischen Gehalt.

Christa Dietrich

Ravensburg Auch sehr junge Besucher mögen das. Jedenfalls lässt eine Traube von Schülern vor allem ein Bild nicht mehr los. Es stellt drei Frauen dar. Wie ein Foto zeigt, heißen sie Margreth, Dorothe und Elsbeth Rüesch und repräsentieren jene Generation, die sich wohl weitgehend herkömmlichen Rollenbildern anpasste, in diesem Rahmen aber, der vielleicht das eine oder andere Mal auch gesprengt werden konnte, konfliktbereit auftritt. In langen schwarzen Mänteln stehen sie da. Auf dem Foto ist es nur ein Stadel, doch auf dem Gemälde tut sich im Hintergrund eine Landschaft auf, die mit einer Farbigkeit daherkommt, die nicht nur fesselt, sondern auch inspiriert. Vielleicht zu einer Geschichte über die Frauen, über die Zeit, das Leben in einem alpinen Tal und über den Maler Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) sowieso. 

Über hundert Werke

Mit „Fantastische Figuren“ ist die kürzlich eröffnete Ausstellung mit rund hundert Werken im Kunstmuseum Ravensburg betitelt, die sich in der Reihe der in letzter Zeit nicht wenigen Ausstellungen mit Kirchner-Arbeiten oder über die Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ und den Expressionismus in Deutschland sehr gut behaupten kann.

Der eine oder andere hat vielleicht noch die „doppelte“ Kirchner-Ausstellung in Mannheim in Erinnerung, die anschließend nach Davos kam, wo schon vor Jahrzehnten ein Kirchner-Museum errichtet wurde. „Die Leinwand hat Gott sei Dank zwei Seiten“, hielt der in Aschaffenburg geborene Künstler fest, der sich mit Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff oder Fritz Bleyl zur Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ zusammenschloss und entscheidende Impulse zur Entwicklung der Moderne in Deutschland gab. Dass viele seiner Gemälde wohl auch aus Geldnot eine Vorder- und eine Rückseite haben, die nicht unbedingt miteinander korrespondieren, sondern z. B. einmal einen Akt und dann wieder eine Landschaft zeigen, ist ein interessanter Aspekt, aber nicht ausschlaggebend. Was Kirchner ausmacht, entwickelte er durch die Auseinandersetzung mit dem urbanen Leben, mit den Menschen, bei Besuchen von Veranstaltungen in Berlin, bei Ausflügen an die Moritzburger Seen und vor allem während des Aufenthaltes in der Schweiz.

Dieser stand politisch wie privat zwar unter keinem guten Stern, die Ausgangslage war bedrückend. Als er nach Davos kam, war Kirchner gesundheitlich angeschlagen, gezeichnet vom Krieg und von übermäßiger Medikamenten- wie Drogeneinnahme. In Deutschland begann sich die Gesellschaft zudem zu wandeln. Kirchners Arbeiten wurden von den Nationalsozialisten diffamiert und als „entartet“ zur Schau gestellt. Im Juni 1938 nahm sich Kirchner das Leben. Sein letztes Bild zeigt eine Schafherde, die den Zugang zu einem Haus in den Alpen blockiert.

Farbexplosion

Und dennoch zählen die Jahre zuvor zu den kreativsten von Ernst Ludwig Kirchner. Er gehört zu den Malern der Zeit, die einen gänzlich eigenen Stil entwickeln, den Expressionismus überwinden. Bei Kirchner kommt das einmal in den bewegten, sicheren Menschenbildern zum Ausdruck, die den Vergleich mit Picasso nicht zu scheuen brauchen. Außerdem bestechen seine Landschaftsbilder durch eine regelrechte Farbexplosion. Da ist ein über das Tal hinausragendes quasi kosmopolitisches Leuchten und Leben, das nicht loslässt.

Die Ausstellung ist bis 10. Juni im Kunstmuseum Ravensburg geöffnet, Di bis So, 11 bis 18 Uhr, Do, 11 bis 19 Uhr. Montags (außer feiertags) geschlossen.