Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Rückgewandt der Zeit voraus

Kultur / 24.05.2019 • 20:02 Uhr

Vor einer Woche war hier die Rede vom Fest für Franz Michael Felder, das am vergangenen Samstag in Schoppernau großartig über die Bühne gebracht wurde. Ganz Schoppernau und viele Gäste waren auf den Beinen, um des großen Dichters und Revolutionärs zu gedenken. Es war ein Fest, an dem Felder selbst vermutlich Freude gehabt hätte. Eine Woche danach wird ab morgen in Andelsbuch seines Enkels, des Theologen, Schriftstellers, Heimatkundlers und Wissenschaftlers Franz Michel Willam gedacht. Bereits um neun Uhr gibt es in der Kirche, in der auch der Andelsbucher Kaplan – höher wollte Willam in der kirchlichen Hierarchie nie steigen – über Jahrzehnte am Altar stand, eine Gedenkmesse, am Abend wird im Gemeindehaus von Andelsbuch eine Ausstellung zu Willam eröffnet. Franz Michel war sein Vorname, an seinen Großvater Franz Michael erinnernd – wie er selbst einmal sagte, zeuge der kleine Unterschied einerseits vom Stolz auf den großen Ahnen, andererseits wolle er sich doch nicht mit dem Genie von Felder gleichsetzen.

Allerdings: Ein Vergleich ist durchaus zulässig, denn Willam war ein höchst erfolgreicher Autor. Nicht nur mit „Das Leben Jesu im Land und Volke Israel“ (erschienen 1933 bei Herder) erzielte er hohe Verkaufszahlen und viele Übersetzungen, ähnlich war auch „Das Leben Marias, der Mutter Jesu“ (1936 bei Herder) ein großer Erfolg. Eine Biografie über Papst Johannes XXIII. als „den jungen Roncalli“ wurde von Papst Benedikt XVI. hoch gelobt. Schon früher war Willam als Autor zahlreicher erbaulicher Erzählungen hervorgetreten, mit ihnen fand er Eingange in Vorarlberger Literatur-Anthologien. Aber auch mit einfachen, später vertonten Gedichten in Bregenzerwälder Mundart – beispielsweise dem Kanisfluh-Lied – bleibt er auf Dauer im Gedächtnis der Menschen. Dazu beitragen wollen auch die verschiedenen Veranstaltungen, die in den nächsten Wochen und Monaten in Andelsbuch und Schoppernau anlässlich seines 125. Geburtstags abgehalten werden.

Als Wissenschaftler von Weltrang erwies sich Franz Michel Willam mit seinen Forschungen zum englischen Kardinal John Henry Newman, indem er belegte, wie sehr die Erkenntnislehre von Aristoteles auf Newman, den großen Erneuerer der Kirche im 19. Jahrhundert, Einfluss hatte. Willam war damit dem damaligen Forschungsstand weit voraus. Er war also mit seinen volkskundlichen Schriften in der Vergangenheit, mit seiner Wissenschaft in der Zukunft – „rückgewandt der Zeit voraus“.

„Als Wissenschaftler von Weltrang erwies sich Franz Michel Willam mit seinen Forschungen zum englischen Kardinal John Henry Newman.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.