Martin Gruber: „Viele sind einfach überfressen“

Kultur / 03.06.2019 • 11:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die neue Produktion, die am Dienstag zur Uraufführung kommt, trägt den Titel: Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft. AKTIONSTHEATER, APOLLONIA BITZAN

Der Aktionstheaterleiter macht wieder politisches Theater und ist keineswegs frustriert.

Christa Dietrich

Bregenz Man müsse sich nur die Geschichte ansehen, mitunter habe sich schon etwas zum Guten verändert, wenn nur eine Minderheit aktiv wird, erläutert Martin Gruber seine durchaus optimistische Haltung als Künstler. Mit anderen Worten: Wenn er mit seinem Aktionstheater ein kritisches Klientel erreichen kann, dann hat er etwas bewirkt. Dass er die Menschen anspricht, liegt auf der Hand. Das Ensemble ist seit 30 Jahren aktiv, in den letzten 20 Jahren werden Themen von besonderer gesellschaftspolitischer Brisanz aufgegriffen. Meistens funktioniert das nach dem Prinzip, dass am Anfang einer Produktion das Sammeln von Erfahrungen und Interviews stehen. So war es auch bei Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft, dem Werk, das am Dienstag im Rahmen des Festivals Bregenzer Frühling zur Uraufführung kommt und dann im Werk X in Wien geraume Zeit auf dem Spielplan steht.

Naiv und stinkfaul

Die handelnden Personen stehen politisch nicht wirklich rechts oder links, sie wirken aber reichlich naiv, auf gewisse Weise sogar gefährlich naiv, vor allem aber antriebslos. Diesen Eindruck vermittelt zumindest der Text, der aber nur einen Teil einer Produktion darstellt, denn minutiös festgelegte choreografische Elemente, nonverbale Szenen und die Musik sind für das Gesamtbild genauso wichtig wie der reine Text. Der Diagnose antriebslos und naiv stimmt Gruber aber durchaus zu: „Ich habe da einen super Vorschlag, aber ich bin trotzdem stinkfaul“, dieses Bild sieht er auch in der Gesellschaft durchaus gegeben. Menschen, die den Hintern nicht hochkriegen oder die nach dem Motto „Halt mir die Flüchtlinge vom Leib, ich gehe einstweilen shoppen“ leben bzw. der Politik begegnen, sind somit zum Problem geworden. „Viele sind einfach überfressen“, hält Gruber fest. Dass es da aber immerhin eine andere Schicht gibt, etwa die Jungen, die für den Klimaschutz auf die Straße gehen, hat er als positives Zeichen nicht übersehen.

Mich überrascht das Ibiza-Video nicht. Der Inhalt ist ikonographisch für diese Partei.

Martin Gruber

Theaterleiter

Rote Linie längst überschritten

Selbstverständlich kommt man in einem Gespräch über ein Stück zur Stimmung im Land nicht umhin, den Leiter des Aktionstheaters, der oft schon die Finger in offene Wunden legte, zur momentanen politischen Situation in Österreich zu befragen. Als das Stück konzipiert wurde, konnte keiner ahnen, dass ein Vizekanzler gehen muss und ein Misstrauensantrag durchgeht, in dessen Folge nun eine neue Regierung zu installieren ist. Was das Strache-Video betrifft, habe ihn nur überrascht, dass so viele Menschen ob des Inhalts überrascht getan haben. Gruber: „Das Video ist ikonographisch für diese Partei. Dieses Selbstverständnis, dass man die Medien kaufen kann, dieses bewusste Anfahren gegen eine liberale Demokratie, das ist doch die Grundlage dieser Partei, der FPÖ, das war von vornherein klar. Ich denke, dass es auch dem großen Koalitionspartner, der ÖVP, klar war. Da muss jetzt niemand überrascht tun und bemerken, dass die rote Linie nun überschritten ist. Die ist längst überschritten.“ Wenn nun einige Protagonisten ausgetauscht werden, ändere das nichts an der Haltung. Wichtig sei es, nicht Message Control und Wählerstimmenmaximierung über den Parlamentarismus zu stellen, sondern den Parlamentarismus und Diskurs ernst zu nehmen.


Uraufführung der Aktionstheater-Produktion am 4. Juni, weitere Aufführungen bis 7. Juni, jeweils 20 Uhr, im Theater Kosmos in Bregenz (Mariahilfstraße 29).