Leander Fischer angelte sich beim Bachmann-Preis die Jury

Kultur / 29.06.2019 • 13:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

klagenfurt Der dritte Lesetag der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur erfreute am Samstag Vormittag mit zwei sehr intensiven Jurydiskussionen. Am Start waren gleich zwei österreichische Teilnehmer: Während Ines Birkhan mit ihrem Text ganz und gar nicht überzeugte, überschlug man sich im Lob für Leander Fischer.

Den Anfang machte die Wienerin Birkhan mit ihrem Text „abspenstig“. Der Romanauszug spielt im Wasser im Devon, einer Periode des Erdaltertums, mit kurzen Verweisen in die Jetzt-Zeit. Dort ist die Sängerin Ekaterina Manos verschwunden. Sie befindet sich – so wird bald klar – unter Wasser und spricht mit einem Riesenskorpion. Diesen nennt sie „Meister“ und lässt sich von ihm tätowieren, zugleich pflegt sie das verletzte Tier, dessen Sprache sie versteht und mit dem sie auch gemeinsam singt. Der Leser erfährt allerhand über Ur- und Neumünder, über Kieferlose, Gliederfüßer und Exoskelette.

Bei der Jury fiel der Text breit durch, die umfassende Kritik veranlasste die Autorin gar, sich zu Wort zu melden – als Erste in diesem Bewerb. In Richtung Jury meinte sie: „Ich habe das Gefühl, dass sie relativ daneben liegen.“ Die Jury hatte sich zuvor über „mangelnde Relevanz“, problematische Wechsel der Erzählperspektive und die „nicht durchgearbeitete Montagetechnik“ des Textes echauffiert. Insa Wilke hatte sich nach dem Autorenvideo eine Art Performance erwartet, ihr habe sich der Text auf keiner der unterschiedlichen Ebenen erschlossen. „Da kann ich auch in ein Aquarium kucken“, so die Jurorin. Die „chimärenhafte Struktur“ erinnerte Hubert Winkels an den Text von Katharina Schultens, dennoch war er wenig begeistert: „Hier wird keine Skulptur gebaut, keine Musik geschaffen.“

Für Michael Wiederstein „geht der Text in der Gesamtkonstruktion nicht auf“, Hildegard Keller störte sich an den „losen Motiven, die nicht verknüpft werden“, Birkhan verwende eine „pseudozoologische Sprache, die nicht wirklich sauber durchgeführt ist“. Insgesamt fehle ihr die Dringlichkeit. Juror Stefan Gmünder nannte es „antiaufklärerisch“, sich wie die Figur im Text danach zu sehnen, „gedankenbefreit dahinzuvegetieren“. Einige positive Aspekte suchte Klaus Kastberger und meinte: „Ich habe nicht das Gefühl, dass der Text irrelevant ist“. Nora Gomringer, die Birkhan eingeladen hat, versuchte, ihre Wahl zu verteidigen: „Gerade in Zeiten, wo wir uns um Ökopoesie streiten, finde ich den Text absolut veritabel und gut.“

„Nymphenverzeichnis Muster Nummer eins Goldkopf“ nennt sich der Text von Leander Fischer, der als zweiter in den Ring trat. Der gebürtige Oberösterreicher erzählt von einem frustrierten Musiklehrer, der seinen Ausgleich mit Fliegenfischen sucht. Das meditative Binden des Köders, die Gespräche mit dem Fischer Ernstl, in denen er selbst wieder zum Schüler wird, nehmen in seinem Leben immer mehr Raum ein, sodass er nicht nur sein Familienleben vernachlässigt, sondern auch seine Schüler traktiert. Die Jury hatte Fischer damit sofort am Haken.

„Hier sehen Sie, was ich mir von Birkhan gewünscht hätte. In diesem Text sieht man, was Montage in der Literatur und der Umgang mit der Fachsprache leisten soll. Dieser Text knüpft selbst eine Goldkopfnymphe“, so Insa Wilke. Ihre Kollegin Hildegard Keller ortete „hohe Könnerschaft“, der Text sei ein „Miniaturkunstwerk“. Besonders gefiel den Juroren die dem Text zweifach eingeschriebene Lehrer-Schüler-Konstellation, wie Michael Wiederstein und Klaus Kastberger hervorhoben. Dieser mochte vor allem „die absolute Konzentration auf diese Wahnsinnigkeit“, mit der Fliegenfischer an ihren Ködern arbeiten. Fazit: „Ein Text, der sich abhebt.“