Klangschöne Teufelskerle bei den Innbrucker Festwochen

08.08.2019 • 20:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Durchaus spannungsreich bei entsprechend farbenreicher Musik: Inszenierung von „Merope“ nach historischer Praxis in Innsbruck.  FESTWOCHEN/LARL

Die Festwochen Alter Musik starteten mit Riccardo Broschis „Merope“.

Christa Dietrich

Innsbruck Nach einem Ausflug ins Weltall, das die Astrophysikerin Konstanze Zwintz bei der Eröffnung der Innsbrucker Festwochen im Schloss Ambras als „sehr lauten Ort“ erklärte, war man am Abend wieder auf der Erde gelandet. Um Lichtjahre von der Gegenwart entfernt wähnte man sich auch beim Beginn der 1732 uraufgeführten Oper „Merope“ von Riccardo Broschi im Landestheater. Dass es hier der Alten Musik gilt, sollte bei der ersten Neuinszenierung der Saison auch optisch durch simuliertes Kerzenlicht sowie durch wahrlich barocke Ausstattung und Personenführung erfahrbar sein. Wenn das Niveau stimmt, ist nichts dagegen einzuwenden, neben der Forderung von Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein nach einer Politik, die für Information statt für Manipulation steht, sieht die Intrigantengeschichte, die sich da auf der Bühne ausbreitet, ohnehin gar nicht so alt aus. Die Machtgier ist nach wie vor ein Luder, die Regierenden von damals mussten ja kaum ein Korrektiv fürchten, da waren dann zack, zack, zack, einfach die Köpfe ab.

Farinelli

Nach dieser Methode räumt Polifonte alle aus dem Weg. Die nächste soll Königin Merope sein, deren Sohn Epitide nach zahlreichen Schuldzuweisungen und Verstellungen alles wieder einrenkt. Selbst die Geliebte Argia darf er in die Arme schließen, während der Bösewicht in der Versenkung verschwindet. Aber die etwas verquere Handlung ist ohnehin mehr eine Notwendigkeit, um den Akteuren die Möglichkeit zu bieten, Gefühlsskalen von höchstem Glück über Zorn bis zu tiefster Verzweiflung in langen Tönen und auf das Extremste gezwirbelten Koloraturen zu vermitteln. Im Mittelpunkt stand damals Riccardo Broschis Bruder Carlo, besser bekannt als Farinelli. Der Australier David Hansen hat die Aufgabe übernommen, er hat ein Repertoire an Tönen parat, das ihm trotz einiger Angestrengtheit derzeit wohl kaum jemand nachmacht. Er fasziniert und überzeugt, wiewohl man sich vorstellen kann, dass ein tolles Gesamtklangbild auch mit Mezzosopranistinnen erreichbar wäre. Als solche bietet Anna Bonitatibus (Merope) Enormes auf und auch Vivica Genaux zählt mit ihrem wunderschönen Timbre zu jenen Künstlerinnen, für die sich jede Fahrt zu Barockfestivals lohnt. Arianna Vendittelli bestätigt den hohen Besetzungsanspruch, dem man in Innsbruck gerecht wird, ebenfalls, wie auch die weiteren Countertenöre Filippo Mineccia und Hagen Matzeit. Tenor Carlo Allemano ist kurzfristig für Jeffrey Francis eingesprungen. Dass er die Partie des Polifonte vom Orchestergraben aus singt, ist allerdings nur dann akzeptal, wenn auf der Bühne wirklich ein einigermaßen versierter Schauspieler agiert. Abgesehen davon bietet das barocke Gestenvokabular, das Sigrid T’Hooft den Sängern abverlangt, mit optisch dazu korrespondierenden Bühnenprospekten eine einnehmend lebendige Auseinandersetzung mit der historischen Aufführungspraxis. Alessandro de Marchi erreicht mit seinem Orchester begeisternde Schattierungen. Ob es wirklich eine so gute Entscheidung war, gleich drei Ballettmusiken (von Leclair und Rasetti) hinzuzufügen, sei dahingestellt. Was zu Beginn reizvoll ist, flacht ab und macht im Rahmen einer fünfeinhalbstündigen Aufführung (inklusive zwei Pausen) leichte Ermüdungserscheinungen hörbar. Grundsätzlich ist diese „Merope“ jedoch eine extrem spannende Angelegenheit.

Weitere Aufführungen der Oper „Merope“ am 9. und 11. August in Innsbruck: www.altemusik.at