Salzburger Festspiele: Gegenwärtige Konflikte auf der Bühne

Kultur / 19.08.2019 • 18:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
André Jung und Caroline Peters in „Die Empörten“ von Theresia Walser. APA

„Die Empörten“ von Theresia Walser mit Musik von Hans Platzgumer uraufgeführt.

Christa Dietrich

Salzburg, Bregenz Eine Leiche, nicht metapherngleich im Keller, nein, versteckt in einer Truhe, die mitten im Raum steht, die aber bloß niemand öffnen soll, weil der Skandal sonst perfekt wäre. So beginnen Komödien. Doch Bürgermeisterin Corinna Schaad hat es nicht einfach im gerade auf Hochtouren laufenden Wahlkampf in einer süddeutschen Stadt am Alpenrand. Die Rechtspopulisten nehmen immer mehr Fahrt auf, denn die Bürger sind nicht alle einverstanden mit ihrer Politik, mit der sie zwar Arbeitsplätze schuf, aber Grünflächen vernichtete, und zudem verhält sie sich gegenüber Asylanten liberal, das heißt, human. In der ohnehin aufgeheizten Situation passiert ein Unglück, Unfall oder Attentat. Ein Pizzabote raste in eine Fußgängermenge, riss Menschen mit in den Tod. Schon wollen einige den Ruf „Allahu Akbar“ gehört haben, dabei war der Täter und Selbstmörder eher nicht radikalisiert, sondern depressiv und sowieso kein Ausländer oder Migrant, sondern Deutscher, er ist nämlich der Halbbruder der Bürgermeisterin, die ihn mithilfe eines weiteren Bruders rasch von der Prosektur ins Amt geschafft hat, damit die wahre Identität nicht auffliegt.

Beißende Thematik

Der Applaus nach der Uraufführung des Stücks „Die Empörten“ der aus Friedrichshafen am Bodensee stammenden Autorin Theresia Walser am Sonntagabend im Rahmen der Salzburger Festspiele fiel zwar kräftig, aber kurz aus, galt den Akteuren, weniger dem Regie-Team und ebbte beim Auftritt Walsers merklich ab.  Politik, Poesie und Humor vertragen sich in einer solchen inhaltlichen Konstellation nicht grundsätzlich bzw. nur dann, wenn der Witz nicht zur oberflächlichen Farce verkommt. Thomas Bernhard hat das beherrscht, dessen Sprache vor allem beim Bruder Anton (Sven Prietz) hereinweht, der die Sache aufdecken will, aber auch sehr gut als Figur gezeichnet ist, die Gefahr läuft, für jegliches extreme Lager manipulierbar zu sein. Der als „finstere Komödie“ oder als „bizarre Echokammer gegenwärtiger Konflikte“ angekündigte Text von Theresia Walser mäandert zwischen Situationskomik und der Darlegung bzw. Überhöhung einer beißenden Thematik. Das Problem ist, dass die beiden Aspekte in der Regie von Burkhard Kosminski nicht oder noch nicht zusammenkommen. Beim Koproduktionspartner am Schauspielhaus Stuttgart wird das Stück nach der Aufführungsserie in Salzburg ab Jänner kommenden Jahres weiterlaufen. Die wesentliche Bedeutung, die Empörung als Willen zur positiven Veränderung und nicht zur enthemmten Entladung zu thematisieren, hat schließlich etwas.

Caroline Peters (bekannt u. a. vom Fernsehen, dem Berliner Ensemble und dem Wiener Burgtheater) spielt die Bürgermeisterin perfekt als Person, die die Komplexität der Rechtfertigungsmechanik, in der sie steckt, plausibel machen kann. Karrieristin zwar, ist sie von Machtgeilheit nicht bewegt, sie witzelt über die Kollegen, die auf Geschäftsreisen durch die Rotlichtvierteln ejakulieren und hält auch die Freikarte für die mehrfach zitierte Puccini-Aufführung in Bregenz für überflüssig. Die Lacher sind garantiert. Wenn Anke Schubert allerdings ausgerechnet als Frau Achmedi bzw. Witwe eines der Opfer eine Suada an Menschenverachtung und Rassismus ablässt, geschieht das frontal ins Publikum gerichtet, so wie die Protagonisten in Boulevardkomödien ihre Pointen schleudern. Derartige Inszenierungsmomente sind ärgerlich. Es geht nämlich auch anders und damit besser, wie Silke Bodenbender als Elsa Lerchenberg, Chefin der rechtspopulistischen Partei, beweist, die optisch smart im lässigen Business-Look (ja so treten die mittlerweile auf) ihre Hetze ablässt. Und André Jung spielt das Amtsstubenfaktotum Pilgrim als Mitläufer, der immerhin noch zur Reflexion fähig ist. Einen Schimmer Hoffnung gibt es also noch.

Brüchiges von Platzgumer

Vor der Fensterfront in Florian Ettis holzgetäfelter Amtsstube zieht die biedere Landschaftsidylle ebenso wie die Industriezone vorbei, die Sebastian Pircher in einem Video einfängt, das schließlich bis hinauf zu den kargen Gipfeln mit den markierten Grenzsteinen und hinunter in den schlammigen Grund reicht. Ein Flugzeug rast einmal gefährlich nahe heran, und Hans Platzgumer hat einen leicht jazzig brüchigen und damit gut passenden Dreivierteltakt hinzukomponiert. Mehr akustisches Drama soll nicht sein bei einem Text, dessen Feinheiten sich auf der Bühne noch entwickeln sollten.

Aufführungen im Rahmen der Salzburger Festspiele bis 29. August, ab Jänner 2020 am Schauspiel Stuttgart.