Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Morgen ist endlich Schluss

Kultur / 27.09.2019 • 20:09 Uhr

Jetzt ist es endlich so weit, jetzt ist Wahltag. Es hat ein Ende mit all den Ungeheuerlichkeiten, die wir wochenlang über uns ergehen lassen mussten, es hat ein Ende mit den Lügen, den Vorwürfen, den Anzeigen, den Betrügereien und dem falschen Lächeln für die Wähler. Jetzt wird gewählt, der Wahltag wird zum Zahltag. Nun könnte man natürlich noch schnell versuchen, die eine oder den anderen zu überzeugen, die Partei zu wählen, der man selbst den Vorzug geben wird. Aber das hat logischerweise keinen Sinn. Denn wer heute noch nicht weiß, was er morgen wählen wird – dem ist ohnehin nicht zu helfen. Sie haben sich doch tatsächlich entblättert in den gefühlt täglichen Fernsehdiskussionen, in denen sie hemmungslos in unser Wohnzimmer getreten sind und uns mit scheinbar vertrauenerweckendem Blick ihre Sicht der Dinge klarzulegen versucht haben. Wir haben das natürlich nicht geglaubt, wir sind schließlich keine Idioten.

Wer glaubt denn heute schon einem Wahlwerber, was er uns verspricht? So treuherzig kann er am Plakat gar nicht in die Ferne schauen, in der er den wunderbaren Weg zu sehen scheint, den er mit uns gehen will. Das bestätigt doch nur noch den, der ohnehin schon auf ihn hereingefallen ist. Oder wer vertraut darauf, dass ein anderer die Heimat, die er in Gefahr sieht, retten will, natürlich für uns retten will? Was soll denn all der Blödsinn, den wir täglich bis zum Erbrechen lesen mussten, nicht weil wir wollten, sondern weil uns die bedeutsamen Botschaften überall einholten. Keine Zeitung, aus der sie uns nicht mit vertrauenerweckendem Ausdruck – zumindest dem, was ihre Werbestrategen dafür hielten – anlächelten, kein Fernsehabend, an dem sie sich nicht auf dem Bildschirm ins rechte Licht rückten, kaum mehr ein Besuch im Café, ohne dass man auf die Wahl und ihren möglichen Ausgang angesprochen wurde.

„Herr: Es ist Zeit“ ist man mit Rainer Maria Rilke versucht zu sagen. Allerdings nicht mehr: „Der Sommer war sehr groß.“ Zeit ist es, dass das ganze Theater ein Ende nimmt. Es hat uns den Sommer nicht groß gemacht, es hat ihn uns verdorben. Mit all den unappetitlichen Begleiterscheinungen, die uns so manche Parteien geliefert haben. Wir gehen jetzt wählen, rächen uns mit unserer Stimme oder vertrauen jemandem unsere Stimme an. Wie immer. Nach der Wahl wird vieles, was jetzt gesagt wurde, vergessen sein. Nur wir werden uns erinnern – und uns mit neuerlichem Grausen abwenden.

„Wer glaubt denn heute schon einem Wahlwerber, was er uns verspricht? So treuherzig kann er am Plakat gar nicht in die Ferne schauen.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.