Aufregendes Projekt mit Vorarlberger Musikern

Kultur / 21.12.2019 • 12:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Ensemble Concerto Stella Matutina mit dem Vokalensemble Profeti della Quinta und Elam Rotem am Cembalo. JU

Concerto Stella Matutina setzte mit einem radikalen Projekt einen Kontrapunkt.

GÖTZIS Auch an der Schwelle zum 15-Jahr-Jubiläum seiner Konzertreihe gehen dem erfindungsreichen Team von Concerto Stella Matutina (CSM) nie die guten Ideen aus. Im letzten Saisonkonzert wurde die ausabonnierte Kulturbühne AmBach mit einem aufregenden Projekt aus den Angeln gehoben, das man in solcher Radikalität nicht für möglich gehalten hätte. Anstelle des um diese Zeit üblichen Griffs in die reich gefüllte Schublade weihnachtlicher Barockmusik wurde mit dem österlichen Schlachtruf „Haleluyáh!“ ein Programm mit frühbarocken Psalmvertonungen aus christlicher und hebräischer Sicht zelebriert.

Das Publikum ließ sich auch diesmal gerne bei der Hand nehmen und in graue musikalische Vorzeiten im 16. Jahrhundert führen, als ein Claudio Monteverdi (1567 – 1643) mit seiner breit aufgefächerten Vokalpolyphonie bahnbrechend und stilbildend wirkte. Sein Zeitgenosse, der Hebräer Salomone Rossi (1570 – 1630), der zur gleichen Zeit am Hof des Fürsten Vincenzo Gonzaga engagiert war, machte Monteverdi mit damals völlig neuer geistlicher Musik für seine Glaubensrichtung Konkurrenz. Mehrstimmige geistliche hebräische Musik – das hatte es bis dahin nicht gegeben, die Textvertonungen waren streng einstimmig. Insofern war im Vergleich mit der Musikgeschichte unseres Landes dieser Salamone Rossi stilistisch ein Vorfahre des aus Hohenems stammenden jüdischen Kantors Salomon Sulzer (1804 – 1890), der gute 200 Jahre später mit seinem bahnbrechenden Werk „Shir Zion“ den orthodoxen jüdischen Gesang zur Mehrstimmigkeit erweiterte und reformierte.

Mitreißendes Klangerlebnis

Durch die erstmalige Verpflichtung des auf diese Musik spezialisierten exzellenten israelisch-schweizerischen Vokalensemble „Profeti della Quinta“ mit seinem Leiter und Cembalisten Elam Rotem wird diese Konfrontation zum mitreißenden Klangerlebnis. Die beiden Countertenöre, zwei Tenöre und ein Bass verschmelzen zu einer klanglichen Einheit, wie man sie in solcher Vollkommenheit und lupenreinen Intonation kaum für möglich hält. Besonders kommen diese besonderen Eigenschaften bei ihrem fünfstimmigen A-Cappella-Gesang zur Wirkung, sie verbinden sich aber auch ideal mit dem diesmal mit nur zwei Violinen (Konzertmeister David Drabek), Bratsche und Basso Continuo und ganz ohne knallige Trompeten und Pauken schlank angetretenen Barockensemble. Das gibt dem Abend einen innigen, beschaulich-verhaltenen Charakter. 

Da wird nun, in feiner Gegenüberstellung zwischen Instrumentalem und Vokalem, die besondere Art der Textausdeutung, der melodischen und harmonischen Umsetzung aus christlicher und jüdischer Sichtweise deutlich, mit Monteverdis Psalmvertonungen „Laudate Dominum“ und dem im Sechsakteltakt weit ausschwingenden „Beatus vir“ als Zentrum und Rossis höchst ambitionierten eigenen Versuchen. Elam Rotem macht in launigen Anmerkungen auf manche Besonderheiten dieser Musik aufmerksam, etwa, dass im Hebräischen so wie die Schrift auch die Komposition nicht von links nach rechts, sondern umgekehrt entsteht. Und er stellt sich mit zwei verblüffend gelungenen Stilkopien auch selbst als Komponist vor, der genau in jener Art zu schreiben versteht, wie sie zur Zeit Monteverdis üblich war. Der erste Countertenor Doron Schleifer profiliert sich mit seiner markant gefärbten, kräftigen Stimme in einem Hochzeitslied von Rossi als großartiger Solist, getragen vom Echo seiner Kollegen, und stimmt auch das titelgebende „Haleluyáh“ an. In einem berührenden Kaddish von Rossi, dem Totengebet der Juden, verklingt der Abend. Und wird in der Zugabe doch noch weihnachtlich – mit einem adaptierten hebräischen Lied. Das Publikum reagiert enthusiastisch. Fritz Jurmann

Rundfunkwiedergabe am 20. und 27. Jänner 2020, 21.03 Uhr, Radio Vorarlberg.