Mozart-Oper mit den Begierden im Fokus

Kultur / 11.02.2020 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Trieb und Ego-Trip: „Don Giovanni“, neu inszeniert von Elisabeth Stöppler. Szene mit Donna Anna, Don Giovanni und Leporello. OPER GRAZ/KMETITSCH

Faszinierender als Don Giovanni selbst sind die starken Frauen.

Christa Dietrich

Graz, Bregenz Mit Cyan, Magenta, Yellow und Schwarz lässt sich jede Stimmung wiedergeben, ist das reproduzierte Bild komplett. Dass Donna Anna, Donna Elvira und Zerlina in Blau, Rot, und Gelb gewandet sind, bevor sie beim Fest in Weiß und zur Höllenfahrt des Don Giovanni dann komplett in Schwarz erscheinen, ist, pardon, sicher nicht auf eine Produktion für die Druckerinnung zurückzuführen: Psychologisch aufgeladen birgt die Farbwahl weitere Spannung, die die optische Umsetzung von Mozarts „Don Giovanni“ an der  Oper Graz in der Regie von Elisabeth Stöppler ohnehin bietet, für die Annika Haller eine dreh- und senkbare weiße Villa im Bauhaus-Stil auf die Bühne stellte und Su Sigmund die Kostüme schuf. Dirigent Andrea Sanguineti kontert mit den zu erwartenden Tempo-Variationen und nimmt sich dafür ein paar Freiheiten bei den Rezitativen.

Enthusiastischer Jubel hört sich anders an, aber das Premierenpublikum hat alles mit viel Applaus goutiert.

In Bregenz eine Uraufführung

Im Vorjahr wurde Elisabeth Stöppler mit dem deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet, im kommenden Sommer inszeniert sie in Bregenz die Uraufführung der Oper „Impresario Dotcom“ von Lubica Cekovska nach einer Komödie von Goldoni. Man dürfte sie am Bodensee noch gut in Erinnerung haben, setzte sie doch vor einiger Zeit „Der goldene Drache“ von Peter Eötvös bestens um. Wir alle tragen das Gute und Böse in uns, hieß es damals, wir alle haben Begierden, heißt es nun.

Ein drehbares Haus für die Selfie-Mania: Szene mit Donna Anna (ganz oben), Donna Elvira, Zerlina und Masetto.
Ein drehbares Haus für die Selfie-Mania: Szene mit Donna Anna (ganz oben), Donna Elvira, Zerlina und Masetto.

Was Don Giovanni überhaupt verführerisch macht, haben Generationen von Regisseuren anzudeuten versucht, bei den Regisseurinnen kommt er logischerweise schlechter weg. Elisabeth Stöppler rückt diesen Protagonisten der europäischen Kulturgeschichte erst gar nicht ins Zentrum, dort steht der Trieb an sich. Getriebener ist Don Giovanni sowieso, aber die Frauen sind nicht seine Opfer, sondern bestenfalls die Opfer ihrer selbst. Gut dargestellt ist es am Ego-Trip einer Donna Anna oder in der gelangweilten Zerlina, während Donna Elvira am schnellsten zur Reflexion in der Lage ist und am Ende wohl nicht librettotreu ins Kloster geht, sondern einen selbstbestimmten Weg.

Leporello hat hier übrigens auch Frau und Kind zu Hause, doch mit der Sesshaftigkeit wird es wohl nichts. Und bevor Don Ottavio wie der Komtur endet, der sich im Gerangel mit Don Giovanni irgendwie selbst erschossen hat und fortan wie ein Gigolo durchs Bild geistert, überdenkt er vielleicht, was ihn an Anna anzieht.

Selfie-Manie

Wenn man berücksichtigt, dass die Regie auch noch die gegenwärtige Selfie-Manie miteinbezieht, könnte des kompliziert werden. Wird es aber nicht, Stöppler weiß erstens, wann die Kamera aus sein muss und neben Mozarts Musik und Da Pontes Text keine der vielen Projektionen mehr Platz hat, und dass es das Werk locker verträgt, den Begriff der Verführung als überholt anzusehen.

Die Rollen sind für die lange Laufzeit der Produktion mehrfach und etwa mit Anna Brull (Donna Elvira), Katerina Tretyakova (Donna Anna), Alexey Birkus (Don Giovanni) und vor allem Pavel Petrov (Don Ottavio) und Neven Crnic (Leporello) bei der Premiere edel besetzt. Die gute musikalische Qualität ergibt sich zudem weitgehend aus den Ensemblestellen, und da hält auch Eva-Maria Schmid (Zerlina) gut mit.

Nächste Aufführung von „Don Giovanni“ an der Oper Graz am 13. Februar und zahlreiche weitere: oper-graz.com. Premiere von „Impresario Dotcom“ in Bregenz am 24. Juli.