Der Stoff, auf dem die Träume sind

Kultur / 14.08.2020 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Stoff, auf dem die Träume sind
Theresa Hattinger setzt auf clevere Typografie. SARAH MISTURA

Theresa Hattingers „Flags of Utopia“ werten die Festspielstadt auf.

Bregenz Dafür, dass die Vexillologie, landläufig als Flaggen- und Fahnenkunde bekannt, eine recht junge Wissenschaft ist, kommt sie doch ziemlich komplex ums Eck gebogen. Klar, als Teilgebiet der Heraldik ist das auch ihr gutes Recht. Flaggen und Wappen nähren sich von der Geschichte, von Legenden, schwelgen ab und an geradezu im Symbolismus. Nicht jedoch jene der in Wien lebenden Künstlerin Theresa Hattinger. Ihre auf Stoff gebannten Werke bewegen sich im Spannungsfeld des Radikalen Konstruktivismus. „Ich arbeite auf einen Irritationsmoment hin. Kunst muss nicht immer alles bis ans Ende erklären, manchmal darf etwas doch auch einfach nur schön sein“, so die 31-Jährige.

Gegensätzlichkeiten

Für ihre aktuelle Ausstellung nutzt sie den Kollektiv-Raum in der Bregenzer Maurachgasse als Basis. Damit es für Interessierte auch etwas zu bestaunen gibt, hat Hattinger dort Werke ihres aktuellen Schaffens ausgestellt. Da ihre Kunst immer auf Textil als Träger von Ideen beruht, sind mehrere Objekte aus Kunstleder mit cleverer Typografie, die aufgrund der Gegensätzlichkeiten oftmals zu einem zweiten oder dritten Blick animieren, zu sehen. Inmitten der Objekte sitzt die Künstlerin vor ihrer W6-Wertarbeit-Nähmaschine und produziert Flaggen. 40 Laufmeter Stoff hat sie in den letzten Wochen verarbeitet, wie viel Nähseide sie dafür benötigte, kann sie selbst nicht sagen. Einmal lugte ein älterer Herr verstohlen in den Raum und fragte, ob das hier eine Änderungsschneiderei sei. Es muss also immens viel Nähseide im Spiel gewesen sein.

Flaggenrundgang

Der eigentliche Grund, warum Hattinger in Bregenz residiert, ist ihr Wanderkonzept „Flags of Utopia“. Es ist bereits die vierte Version davon, zweimal Wien und einmal St. Pölten standen davor auf dem Programm. Die aktuelle ist von der Fläche her die bisher ausgedehnteste. Die Künstlerin setzt sich hierbei intensiv mit dem lokalen öffentlichen Raum auseinander, näht ihre Flaggen vor Ort und geht dann Klinken putzen. Jede einzelne der rund 20 individuellen Flaggen weht völlig legal im Bregenzer Wind.

Der Stoff, auf dem die Träume sind
Beim Flaggenrundgang setzen die Tänzerin Silvia Salzmann sowie Vivienne Causemann und Felix Defèr vom Landestheater performative Akzente. Tödtling

Wer sich davon überzeugen möchte, kann am Freitag, dem 14. August, um 17 Uhr am Flaggenrundgang partizipieren. Vom Kollektiv aus geht der Spaziergang von Flagge zu Flagge, textlich und performativ begleitet von Daniela Egger, Silvia Salzmann, Vivienne Causemann und Felix Defèr. Auf den obligatorischen Babyelefanten wird selbstverständlich Rücksicht genommen. Eine gute Gelegenheit nochmals auf den Radikalen Konstruktivismus zurückzukommen und Paul Watzlawick ins Spiel zu bringen: Ein Mann klatscht alle zehn Sekunden in die Hände. Nach dem Grund für dieses Verhalten befragt, erklärt er: „Um die Elefanten zu verscheuchen.“ Auf die Bemerkung, dass es hier gar keine Elefanten gebe, antwortet er: „Na, also!“

ZUR PERSON

Theresa Hattinger, geboren 1989 in Salzburg, studierte Grafikdesign und Bühnenbild zumeist an der Angewandten in Wien. Seit 2016 ist sie freischaffende Gestalterin und Künstlerin in Wien.

Flaggenrundgang am Freitag, 14. 8., 17 Uhr, Finissage am Freitag, 21. 8., ab 19 Uhr, Kollektiv, Maurachgasse 1, Bregenz, www.kollektiv-raum.org

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