“Alkoholfrei erfrischt Bier auch”

Kultur / 08.11.2020 • 21:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Szene aus „König Ubu#Am Königsweg“ von Alfred Jarry und Elfriede Jelinek in der Inszenierung von Philipp Preuss.Theater/schmitz
Szene aus „König Ubu#Am Königsweg“ von Alfred Jarry und Elfriede Jelinek in der Inszenierung von Philipp Preuss.Theater/schmitz

Preuss und Aubrecht lassen an ihren großen Bühnenprojekten digital teilhaben.

Leipzig, Bregenz Man könne nur hoffen, dass die derzeitigen Aufführungsverbote auch einen positiven Effekt haben, kommentiert Philipp Preuss im Gespräch mit den VN die aktuellen Pandemieverordnungen in Deutschland wie auch in Österreich. Der Bregenzer ist seit einigen Jahren Hausregisseur am Schauspiel Leipzig, er hat vor wenigen Wochen, wie berichtet, die Uraufführung des Stücks „beach house“ von Dorian Brunz am renommierten Deutschen Theater in Berlin inszeniert, das nun in Leipzig gezeigt werden sollte und erarbeitet gerade eine weitere Produktion im Theater an der Ruhr in Mülheim.

Die Ausstattung hat jeweils die ebenfalls aus Bregenz stammende Bühnenbildnerin Ramallah Aubrecht entworfen, mit der er beispielsweise auch bei Inszenierungen am Wiener Volkstheater oder an der Schaubühne Berlin zusammenarbeitete.

Besser digital als gar nicht

Auch wenn er die Absurdität von Theaterschließungen angesichts geöffneter Geschäfte erwähnt, empört sich Preuss nicht. Schon beim ersten Lockdown samt Reisebeschränkungen hatte er angemerkt, dass es hierzulande den meisten Menschen immerhin möglich ist, ihre Freizeit auf Balkonien und Terrassien friedlich zu verbringen. Anders als im Frühjahr sind nun auch Probenarbeiten erlaubt, der Premierentermin für die ursprünglich für 22. November geplante Live-Aufführung des nächsten Projekts ist allerdings unklar, deshalb wird auch die Entwicklung eines digitalen Konzepts ins Auge gefasst. Ein Ersatz könne ein Streaming-Angebot niemals sein, aber es falle die Begegnung des Publikums mit der darstellenden Kunst somit nicht komplett aus und immerhin könnten durch das Angebot auch Menschen an Produktionen teilhaben, für die eine längere Anreise nicht in Frage kommt. Diesbezüglich zeigt sich Philipp Preuss als Pragmatiker: „Alkoholfrei erfrischt Bier auch“. Während sich eine ältere Produktion, nämlich „König Ubu#Am Königsweg“ von Alfred Jarry und Elfriede Jelinek, die angesichts der Präsidentschaftswahlen in den USA besondere Brisanz erhält, bereits im Onlinekanal des Theaters an der Ruhr (theater-an-der-ruhr.de) befindet, steht auch das nächste Stück in einem zeithistorischen Kontext.

Autoritäres System

„Europa oder die Träume des Dritten Reichs“ nach Lars von Trier behandelt unter anderem die Aufzeichnungen der Journalistin Charlotte Beradt (1907-1986). Als Jüdin durfte sie ab 1933 nicht arbeiten, verließ Deutschland, verbrachte viele Jahre im amerikanischen Exil, übersetzte unter anderem Werke von Hannah Arendt und dokumentierte im Werk „Das Dritte Reich des Traums“ Träume aus der Zeit des Nationalsozialismus. Einer handelt beispielsweise vom Leiter einer Fabrik, der davon träumt, dass Goebbels kommt und das Werk inspiziert. Einmal geht es um eine Selbstzensur, da erzählt jemand Witze, ohne die Pointe anzuführen. „Es geht darum, wie sich ein autoritäres System bis in die Träume der Menschen fortgepflanzt hat“, erklärt Preuss worauf er in seiner Arbeit abzielt und was dem Stück auch eine nicht von der Hand zu weisende Aktualität verleiht.

„Man kann nur hoffen, dass die Theaterschließungen auch einen positiven Effekt haben.“

"Alkoholfrei erfrischt Bier auch"

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