“Tasso!”: Auch beim Theater geht Vorarlberg einen Sonderweg

Kultur / 28.03.2021 • 18:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
"Tasso!": Auch beim Theater geht Vorarlberg einen Sonderweg
Von Goethes “Torquato Tasso” bleibt nicht viel übrig, aber “Tasso!”, bearbeitet von Milena Fischer, wirft relevante Fragen auf. Vielleicht auch weitere als beabsichtigt. VN/STEURER

“Tasso!” nach Goethe konfrontiert mit Umweltaktivisten.

Bregenz „Antonio!“ wäre als Titel naheliegender oder besser noch „Leonore!“ Dann hätte das Stück aber wohl weniger Zulauf. Goethes 1807 uraufgeführtes Schauspiel „Torquato Tasso“ ist schon durch zum Allgemeinwissen gewordene Zitate („So fühlt man die Absicht und man ist verstimmt“, „Der Feige droht nur, wo er sicher ist“ etc.) bekannt genug, um mit „Tasso!“ Erwartungen zu schüren. Dass es nicht der Klassiker ist, in dessen Licht sich das Vorarlberger Landestheater immerhin sonnt, wenn es die Produktion nun endlich auf die Bühne bringen darf, darauf weist das Ausrufezeichen hin. Schon dem „Werther!“ hatte die deutsche Regisseurin Milena Fischer in Bregenz einiges hinzugefügt. Damals mit inspirierendem Ergebnis. Der berühmte Briefroman bedarf bei der Präsentation auf dem Podium aber ohnehin der Adaptierung, „Torquato Tasso“ lässt sich hingegen einfach spielen: gemünzt in Richtung Gegenwart sowie mehr oder weniger pur. Reicht also ein Ausrufezeichen für ein einige Dialoge verwendendes, aber anders aufgezogenes Stück?

Agitatorisches Theater

Was Fischer aus „Torquato Tasso“ macht, ist agitatorisches Theater, zwar spannend, um nicht zu sagen listig und schön verpackt, aber mit einer auch für ein auf ein jugendliches Publikum zugespitztes Projekt sehr vordergründigen Absicht.  Dass Goethe in seinem Text Emotionen mit poetischen Naturbildern verdeutlicht, verleihe ihr die Möglichkeit, den Natur- und Umweltschutzgedanken in den Fokus zu stellen, bemerkte die Regisseurin im Gespräch mit den VN. Und so kommt Antonio, der Politfunktionär, nicht aus Rom, sondern aus Brüssel, wo sich die autofreie Innenstadt als zukunftsfähiges Konzept durchgesetzt hat. Das bedingungslose Grundeinkommen schleicht sich hinzu. Dass es auch Kulturschaffenden zuteil werden soll, wird von der Tatsache abgeleitet, dass Goethe hier die Freiheit der Kunst verhandelt („Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein .  . .“), die Schranken der Moral kennt, aber der Abhängigkeit von Sponsoren, damals Adeligen, nicht entkommt. Woran Goethe etwa zehn Jahre schrieb, was Geisteswissenschaftler zu Sekundärliteratur en masse bewegte, lässt sich nicht auf einen einfachen Nenner bringen, und so werden Schüler mit dem geködert, was viele von ihnen umtreibt: „Ich will eine Welt, in der alle Menschen Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen haben. Ich will eine Welt, in der nur produziert wird, was wir wirklich brauchen“, sagt Leonore am Schluss. „Wer werden wir morgen gewesen sein“, lautet der letzte Satz.

So in etwa steht er zurzeit auch auf der Seitenfassade des Bregenzer Theaters am Kornmarkt. Drinnen hatte am Wochenende ein Werk Premiere, dessen Geschichte bereits einen besonderen Verlauf nahm. Denn müsste man sich zwischen der Bühnenproduktion und dem Videofilm entscheiden, den das Theater produziert hat, nachdem der Bühnenstart von „Tasso!“ wegen des Corona-Lockdowns zum zweiten Mal verschoben wurde, so würde ich auch als Skeptikerin gegenüber allem Gestreamten hier dem digitalen Format den Vorzug geben. Die Session, die Leo (eine Figur, in der sich Herzog Alfons und Prinzessin Leonore vereinen, während die zweite Leonore aus dem Goethe-Werk eliminiert bleibt) hier einberuft, um mit Antonio (hier Toni) und Tasso die Verbesserung der Welt zu verhandeln – das hat etwas. So kann das Konzept funktionieren.

Tobias Krüger, Vivienne Causemann und David Kopp in "Tasso!".  <span class="copyright">VN/Steurer</span>
Tobias Krüger, Vivienne Causemann und David Kopp in "Tasso!". VN/Steurer

Auf der Bühne verblasst nicht nur der Rahmen, sondern auch der Konflikt zwischen dem Pragmatiker Antonio und dem Denker Tasso, für den das Träumen von der besseren Welt dann schon das entsprechende Handeln leiten wird. Ein Einwand ist allerdings berechtigt. Die erwähnte Session wird auf der Box, für die „Tasso!“ konzipiert wurde und in der auch die Ausstattung von Birgit Klötzer zur Wirkung kommen könnte, wohl dichter als in einem 500 Besucher fassenden Haus, in dem sich die 100 nun zugelassenen eher verlieren. Zum Mittun bei der erwähnten Session bzw. zur Teilnahme an der Aktivistenrunde lassen sie sich ohnehin nur zögerlich auffordern, und dass Toni wie Tasso einmal auch die trotzig Adoleszierenden raushängen,  wirkt aus der Entfernung zuweilen wenig doppelbödig. So behauptet sich Vivienne Causemann souverän als Diskussionsleiterin Leo und lässt dabei auch die sensible Leonore aus dem Goethe-Drama durchscheinen. Doch auch David Kopp (Toni) und Tobias Krüger (Tasso) sieht man gerne zu, weil sie neben dem Aktivistengehabe in der Lage sind, die eigene Verletzlichkeit und den leisen Kampf mit der Frustrationstoleranz zu vermitteln.

Dramaturg versus Dramatiker

Es braucht sehr gute Schauspieler, um dieser eher eindimensionalen Goethe-Adaptierung von Milena Fischer Komplexität zu verleihen. Das Vorarlberger Landestheater hat sie. Es ist kein Konservativismus, wenn sich die Frage nach dem Raum auftut, den ein Theaterunternehmen den Dramaturgen im Vergleich zu den Autoren gibt. Ein eigenes Stück zu schreiben, in dem Motive aus Goethes „Tasso“ vorkommen, wäre durchaus möglich. Dazu braucht es aber Dramatiker.

Nächste Aufführung von “Tasso!” des Vorarlberger Landestheaters am 4. April, 17 Uhr, am Bregenzer Kornmarkt.