Glänzender Neustart mit Werken von Vorarlbergern

Kultur / 19.04.2021 • 16:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Glänzender Neustart mit Werken von Vorarlbergern
Das Ensemble plus durfte nach mehr als einem halben Jahr wieder auftreten. JU

Das Konzert des Ensemble plus im Magazin 4 war weit mehr als ein bloßes Lebenszeichen.

BREGENZ Mehr als ein halbes Jahr herrschte Schweigen bei Vorarlbergs wichtigster Truppe für Neue Musik. Nun ist das Ensemble plus im ausverkauften Magazin 4 in der Reihe „Sul palco“ vor gerade 20 erlaubten Zuhörern glanzvoll wiedererstanden. Es war wie der berühmte Phönix aus der Asche und dazu auf einem Spielniveau von höchster Professionalität, was beweist, dass die diversen Lockdowns von den Musikern auch zur Perfektionierung ihrer Arbeit genutzt wurden.

Zentralfigur ist seit einem Jahr Guy Speyers, den Klaus Christa einst aus Südafrika geholt und zum veritablen Bratschisten geformt hat. Der junge Musiker hat sich in kürzester Zeit bei uns so gut integriert, dass er auch zum Pädagogen, Musikvermittler und zum kundigen Leiter des Ensemble plus avancierte. Dank seiner Umsicht hat er viele Probleme bewältigt, die sich ihm gleich im ersten Corona-Jahr in den Weg stellten und präsentierte nun eine runderneuerte fixe Besetzung, die sich im kargen, akustisch sehr ansprechenden Fabriks-Ambiente sofort zurechtfand. „Wir dürfen wieder spielen!“ freute sich Speyers wie ein Schneekönig und ersetzte das fehlende Abendprogramm mit ulkigen Moderationen.

Gerda Poppa und Johannes Wohlgenannt Zincke

Dieses „wieder dürfen“ gibt dem Konzert unter freudig gleichgesinnten Zuhörern auch seine Leichtigkeit, den Spaß am Musizieren. Ein einstündiges dichtes Programm hält dabei für die Musiker jede Menge aufregende Vielfalt neuer Werke mit all ihren Anforderungen an spezielle Techniken und besondere Klänge bereit, diesmal getragen vor allem vom „hauseigenen“ Streichquartett mit Michaela Girardi und Yukiko Tezuka, Violine, Guy Speyers, Viola, und Jessica Kuhn, Violoncello. Im Mittelpunkt stehen zwei Stücke langjährig bewährter Vorarlberger Komponisten, zunächst des in Ludesch geborenen und im Waldviertel lebenden Johannes Wohlgenannt Zincke. Er ist persönlich angereist und hat die 2015 komponierte Nummer 15 aus seiner Reihe „Motions“ mitgebracht, „Kopp up Kopp“, ein von der Aura der Goldmelisse geprägtes fünfteiliges, weit ausgreifendes Werk mit Elementen der Minimal Music. Die sonnige Tonsprache bezieht ihre Wirksamkeit aus der Intensität kleinsten motivischen Materials, der rhythmische dritte Satz ist wie vom Geist Schuberts durchweht.

Die in Röthis lebende Gerda Poppa wartet seit 2012 darauf, dass ihr Streichquartett „Via Vitae“ einmal uraufgeführt werden würde. Bislang drei Versuche wurden u. a. durch Corona verunmöglicht, im vierten Anlauf gelingt nun eine erste Wiedergabe, die von der Vorlage wie deren Ausführung absolut beeindruckt. Poppa hat wie üblich außermusikalische Vorlagen verwendet, diesmal sind es Lebensläufe von Verstorbenen, denen sie als Organistin das letzte Geleit gab. Doch daraus wurden nicht bloß plakative Film-Vertonungen, sondern diesmal absolut ernsthafte Charakterstudien eines Egozentrikers, eines Unsteten und eines Drogenabhängigen, und darum auch ist dieses Werk genauso ernst zu nehmen. Es ist auch so komplex komponiert, dass es, ungewöhnlich für ein Streichquartett, für eine möglichst perfekte Wiedergabe eines Dirigenten in der Person des überlegenen Thomas Gertner bedarf. Für das „Lachrymae“ des namhaften Franzosen Tristan Murail im Stil der Spektralmusik entsteht mit Manuela Schedler, Altflöte, und Nikolaus Feinig, Kontrabaß, ein Sextett.       

FRITZ JURMANN

Nächste „Sul palco“-Konzerte des Ensemble plus: 2. Juli, Magazin 4, Bregenz; 3. Juli, Fabrik Klarenbrunn, Bludenz (u.a. Uraufführung von Raphael Lins)