Elfriede Jelineks kluger Kommentar zur Gegenwart

Kultur / 06.06.2021 • 21:09 Uhr
Enthemmte Superspreader in „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ MATTHIAS HORN
Enthemmte Superspreader in „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ MATTHIAS HORN

Hamburg Die Welt befindet sich in einem Zustand des Dauergebrülls. Und so hören die Besucher der Uraufführung von Elfriede Jelineks “Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!” im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg erst einmal fast 20 Minuten Stimmengewirr im Dunkeln. “Diese Krankheit ist eine Lüge. Wir wissen, wer sie verbreitet”, nimmt der Text etwa den fragwürdigen Wahrheitsanspruch der Verschwörungstheoretiker aufs Korn. Hinzu kommen Zitate von Politikern und Virologen.

Nach siebenmonatiger Corona-Zwangspause hat Intendantin Karin Beier die Saison mit einer Polit-Groteske der österreichischen Nobelpreisträgerin eröffnet. Die Bühne gleicht einer Tiroler Hütte, die sich in einen Schlachthof verwandelt. Der Jelinek-Text verschränkt die alpinen Superspreader-Ereignisse mit der antiken Mythologie. Das Stück liefert in der Bloßstellung einer gestörten gesellschaftlichen Kommunikation einen klugen Kommentar zur Gegenwart. Dennoch ist der nach dem ersten Lockdown entstandene Text teilweise von der Pandemie-Realität überholt und dadurch etwas überraschungsarm.