Shakespeares Richard ballert wieder alles nieder

Kultur / 26.07.2021 • 20:33 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Lina Beckmann als Richard mit Paul Herwig als Lord Buckingham in „Richard The Kid & The King“ bei den Salzburger Festspielen. APA
Lina Beckmann als Richard mit Paul Herwig als Lord Buckingham in „Richard The Kid & The King“ bei den Salzburger Festspielen. APA

Lina Beckmann muss retten, was die Regie mit dem Konzept von „Richard The Kid & The King“ vergeigt.

Hallein, Salzburg Wenn die großartige Lina Beckmann alle niedermetzelt, die sich dem Herzog von Gloucester beim Griff zur Krone in den Weg stellen, drängen sich Bilder von jenem „Richard III.“ auf, der, inszeniert von Thomas Ostermeier, vor ein paar Jahren an der Berliner Schaubühne stets ausverkauft war. Lars Eidinger gab den erfolgreichen Manipulierer und zieht seitdem die Aufmerksamkeit auf sich. Die Salzburger Festspiele bereiten heuer beiden eine Bühne, Eidinger im „Jedermann“ vor der Domkulisse, Beckmann in „Richard The Kid & The King“ auf der Pernerinsel in Hallein. Das Besetzungsgeschick korrespondiert allerdings nicht mit der Stückwahl.

Regisseurin Karin Henkel hat Shakespeares Königsdramen „Richard III.“ und „Heinrich VI.“ gefiltert und mit „Eddy the King“ aus „Schlachten!“, jenem Zwölfstünder von Tom Lanoye und Luk Perceval, mit dem die Festspiele vor gut 20 Jahren reüssierten, versetzt, sie kommt aus ihrer zentralen Nummer, dass hier ein ungeliebtes bzw. abgelehntes Kind zum machtbesessenen Sadisten wird, aber nicht mehr raus. Der Schluss wird zudem vergeigt. Dem Publikum nach vier Stunden die Geschichte von der Auffindung der Gebeine Richards im Jahr 2012 auf einem Parkplatz in Leicester  aufzutischen sowie mit Richmond bzw. Heinrich VII. den friedliebenden Regenten auftreten zu lassen, der alles zum Guten wendet, macht die Produktion, die ab September am Schauspielhaus Hamburg läuft, vom Format her gänzlich zum eindimensionalen Schultheater, was beim nicht mehr eruierbaren Verhältnis von Fakten und Fiktion allerdings fragwürdig erscheint.

Sprachmix

Am Sprachmix zwischen Deutsch und Englisch kann man durchaus Gefallen finden, er bringt Drive, Witz und Schärfe, wenn sich Richard mit Attitüden des ehemaligen US-Präsidenten schmückt, darf man allerdings davon ausgehen, dass es für den Aufstieg eines solchen Gemüts ein Wahlvolk braucht, das heute noch die Evolution ablehnt. An Intelligenz hatten die damaligen Engländer bzw. Richards Gegenspieler den heutigen Amerikanern etwas voraus. Wäre schön, wenn das mehr als nur dort, wo es unbedingt notwendig ist (etwa bei Elisabeth von Bettina Stucky) bemerkbar wird. Außerdem wissen wir alle, dass Shakespeare die Grausamkeit Richards überhöhte, um zum eigenen Vorteil für die folgenden Tudors Partei ergreifen zu können.

Die Figur ist heute somit nur interessant, wenn sich psychologische Verfasstheit und Manipulationsmechanismen aufschlüsseln lassen. Karin Henkel streift die Themen zwar (die der Vorarlberger Psychiater Reinhard Haller im Programmheft darlegt), überfrachtet sie aber mit manieriert dargestellten Grausamkeiten. Den Hals brechen, Gedärme herausreißen, alles niederfauchen und niederballern, das hält nur einigermaßen bei der Stange, wenn man wie hier mit Lina Beckmann eine Schauspielerin hat, die das in einer Farbskala durchexerziert, die schier unendlich ist. Die dunkle Bühnenscheibe von Katrin Brack reicht ihr aus. Den blinkenden Lampenladen am Firmament hätte es nicht einmal gebraucht.

Weitere Aufführungen von „Richard The Kid & The King“ bis 5. August auf der Pernerinsel in Hallein, ab 3. September im Schauspielhaus Hamburg.